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Mit Guttenberg in Afghanistan : An zwei Fronten

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Der Schlag trifft ihn tief und unvorbereitet

Guttenberg sagt, er habe stets versucht, er selbst zu bleiben. In diesem Satz steckt bei näherer Betrachtung mehr Erklärkraft als in ellenlangen Versuchen, dem „Phänomen“ auf die Spur zu kommen. Guttenberg hält schon den Begriff für falsch. Er habe die Hoffnung gehabt, dass sich die Ausschläge in der Bewertung seiner Person eines Tages auf ein normales Maß einpendeln würden. Der Schlag jetzt traf ihn tief und unvorbereitet. An Zufall glauben Politiker in solchen Situationen nicht. Die Linien in seinem Gesicht sind dunkler geworden, nicht nur der kurzen Nacht im Feldlager halber. Im Flugzeug telefoniert er mit seiner Frau, die ihm berichtet, dass auch die Kinder schon wüssten, was los ist. Das bedrückt ihn. Er sieht in diesem Moment aus wie ein Mann, der sich fragt, ob und wie lange er sich und seiner Familie das alles noch antun muss.

Doch warum ist der dann an die Front nach Afghanistan geflogen, statt auf dem Dachboden der Burg nach seinen Promotionsunterlagen zu suchen? Weil er, wie er am Tag nach seiner Rückkehr erklärt, eine „historische Bundeswehrreform“ eingeleitet hat und „die Verantwortung für die Soldaten im Einsatz (trägt), wie ein Ereignis an dem heutigen Tag einmal mehr auf bittere Weise zeigt“.

Dort, wo Guttenberg am Donnerstag noch den Sanitätsbereich mit zwei Operationstischen und die Hühnerzucht eines weiblichen Oberfeldwebels besichtigte, schießt am Freitag ein Mann in afghanischer Armeeuniform um sich. Er tötet drei Bundeswehrsoldaten und verletzt sechs weitere. Noch am Vortag sagt der Adjutant des Ministers, er fürchte, die häufigen Reisen seines Chefs nach Afghanistan seien schon zu berechenbar geworden. Der Gegner, das hört man am Hindukusch überall, sei über vieles ziemlich gut informiert.

Blut ist im Wasser

Schmeißt ein Minister, der in der Truppe nach wie vor hohes Ansehen genießt, in solchen Zeiten und unter solchen Umständen hin, wenn er selbst unter Feuer gerät, wenn auch nur innenpolitisches, aber doch aufgrund eigenen Verschuldens? Das entspricht nicht Guttenbergs Amtsverständnis und Pflichtbewusstsein. Die Zeiten, in denen er das offen sagen konnte und danach für solch „edle“ Gesinnung gelobt wurde, sind jedoch vorbei. Der überirdische Edelmann hat sich als fehlbar erwiesen. Blut ist im Wasser, das lässt in deutschen Gewässern sogar noch Rotaugen zu Haien anwachsen. Wie bei der Verehrung wird jetzt auch bei der Verfolgung keine Gnade gewährt werden.

Guttenberg will aber selbst noch bei der Landung nicht ganz vor dem Ausnahmezustand kapitulieren, der ihn unter der geschlossenen Wolkendecke Berlins erwartet. Bis zum Aussteigen hält er daran fest, den für den Abend eingeplanten Wahlkampfauftritt in Sachsen-Anhalt auch wahrzunehmen. Doch dann erreicht ihn ein Anruf der Kanzlerin, die ihn sprechen will. Er hat, als er ins Kanzleramt eilt, noch die Montur an, die er im Feldlager trug. Der Schlamm Afghanistans, der an den Stiefeln hängt, ist zäh, aber einer deutschen Wurzelbürste nicht gewachsen. Guttenberg jedoch haftet jetzt etwas an, das zeit seiner politischen Laufbahn an ihm kleben bleiben wird.

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