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Mit Guttenberg in Afghanistan : An zwei Fronten

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Schon die nachfolgenden paar Stunden auf dem Feldbett in einem nur mäßig beheizten Zelt, das Guttenberg mit einem General teilt, vermitteln einen ersten Eindruck davon, dass vier bis sechs Monate in dieser Wagenburg, in der im Sommer über vierzig Grad herrschen, alles andere als ein Camping-Urlaub sind. Die Bundeswehrsoldaten sind wie Amerikaner, Ungarn und andere hier, um Aufständische nachhaltig aus dem „Highway Triangle“ zu vertreiben, in dem wichtige Fern- und Nachschubstraßen zusammenlaufen. Im Zuge des neuen „Partnering“-Konzepts suchen sie, wie die anderen Verbündeten, zusammen mit der afghanischen Armee den Taliban einen Gebietsstreifen nach dem anderen abzunehmen und zu halten. Es ist noch nicht ausgemacht, ob das in hart umkämpften Regionen wie Baghlan auch gelingt. Die Kommandeure im unter deutscher Führung stehenden Nordsektor Afghanistans befürchten, dass die Aufständischen zu einer Frühjahrsoffensive antreten werden, der sie zuvorkommen wollen.

Die Panzerhaubitze thront über allem

Seit den Karfreitagsgefechten im vergangenen Jahr hat die Bundeswehr ein halbes Dutzend Soldaten im früher einmal „ruhigen Norden“ durch Feindeinwirkung verloren. Obwohl mehr und besser gepanzerte Fahrzeuge nach Afghanistan gebracht worden sind, Maschinenwaffen mit größeren Kaliber angeschafft wurden und auch im OP North eine Panzerhaubitze über allem thront, die den Soldaten noch in vierzig Kilometern Entfernung Feuerschutz gibt, ist der Tod ein ständiger Begleiter der Soldaten. Am wenigsten fürchten sie die offene Feldschlacht, für die sie ausgebildet sind und aus der sie, auch der besseren Bewaffnung halber, regelmäßig als Sieger hervorgehen. Unberechenbar aber bleibt der hinterhältige Anschlag.

Ihm fiel in Baghlan zuletzt - wie schnell und dramatisch sich das ändern wird, weiß an diesem Tag noch keiner - der 26 Jahre alte Sanitäts-Oberfeldwebel Pauli zum Opfer. Ein als Bauer verkleideter Selbstmordattentäter riss ihn im Herbst mit in den Tod. Vierzehn weitere Soldaten wurden verletzt. Für Pauli meißelten seine Kameraden eine Gedenkstätte aus dem afghanischen Lehm, der oft genug selbst ihren Maschinengewehrgarben trotzt: ein Memento mori in der Steppe Afghanistans. Als Guttenberg zu ihr hinaufgeht, wird sie auch noch zu einem Symbol für die Vergänglichkeit alles Politischen, jedenfalls für jene, die wissen, was gerade in Berlin los ist.

Es zählen Großwildtrophäen - wie der Kopf Guttenbergs

Auf dem Rückflug dorthin ist klar, dass Guttenberg nicht mehr in das Deutschland zurückkehrt, das er nur knapp dreißig Stunden vorher verließ. Das Land, das ihn - er hat sich nicht dagegen gewehrt - als Helden adoptiert hatte, scheint plötzlich seiner überdrüssig geworden zu sein. Kommentatoren, die vor kurzem dem nächsten Kanzler noch „Hosianna!“ zuriefen, fordern jetzt seine Kreuzigung - nein, nur seinen Rücktritt, so weit reicht der Mut dann doch noch nicht.

Diesen Verlauf des Guttenberg-Epos hatte ihm mancher vorhergesagt. Kometen verlieren bei jedem Umlauf um die Sonne Substanz. Vielversprechende Politiker werden, auch von den Medien, gerne in den Himmel gehoben, damit die Fallhöhe umso größer ist, wenn sie gestürzt werden können. Auch im friedliebenden Deutschland zählen Großwildtrophäen noch etwas, nur die von Köhler wollte sich keiner an die Wand hängen. Vom beruflichen wie vom privaten Glück verwöhnte Menschen haben gewöhnlich noch mehr Neider als Verehrer, gemeint sind die echten. Das alles wusste er. Warum also hat der Freiherr den Ballon, an dem er hing, hin und wieder mit ein paar Feuerstößen sogar noch weiter nach oben gejagt, statt sich Bleigewichte an die Füße zu binden?

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