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Mit Guttenberg in Afghanistan : An zwei Fronten

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Es ist ein Sprengsatz aus der Vergangenheit, mit dem der zuletzt schon mehrfach, wie man bei der Truppe sagen würde, „angesprengte“ Minister wohl am wenigsten gerechnet hatte. Er hat ihn, nach allem was bekannt wurde, selbst gelegt. Ein Sprengsatz, der sich nicht durch die Entlassung oder Suspendierung von Untergebenen entschärfen lässt. Noch weiß Guttenberg nicht, dass eine ganze Serie von Sekundärexplosionen folgen wird.

Andere bekämen in dieser Lage Angst vorm Fliegen

Mancher seiner Berufsgenossen bekäme in dieser Lage Angst vorm Fliegen. Der Verteidigungsminister aber hält an seiner schon vor Wochen geplanten Afghanistan-Reise fest, schon seiner zehnten; alle zwei Monate, so hat er es sich vorgenommen, will er dort sein. Dennoch ist am nächsten Tag in der deutschen Presse von einer „Flucht“ die Rede. Er ist in einer Lage, in der man als Politiker kaum noch gewinnen kann. Mit einer Absage der Reise hätte er der Affäre ein Gewicht gegeben, das jedenfalls er ihr nicht geben wollte. Der Vorwurf, wegen des Skandals vernachlässige er nun auch noch seine Dienstpflichten, wäre schnell zur Hand gewesen.

Tatsächlich ist es wohl eine Mischung aus seinem an Sturheit grenzenden Amts- wie Pflichtverständnis und seiner Empörung über den Vorwurf, er sei ein (mit Vorsatz handelnder) Plagiator, die ihn die Explosivität der Sache unterschätzen lässt. Es könne sein, dass er die eine oder andere Fußnote nicht korrekt gesetzt habe, sagt Guttenberg im Flieger, was er auch seinen Sprecher in Berlin erklären lässt. Unter den Akten, die sein Adjutant ihm reicht, ist die Doktorarbeit nicht. Nie habe er sich so auf eine Reise an den Hindukusch gefreut wie dieses Mal, scherzt Guttenberg noch über die ihm nachjagenden Schlagzeilen, als das Flugzeug das Schwarze Meer überfliegt.

„Ehefrau und Talkmaster waren wohl des Guten zu viel“

Dabei wollte er dieses Mal gar keine machen. Das extrem zwiespältige Echo auf seine Reise in der Vorweihnachtszeit, als er seine Ehefrau, den Talkmaster Kerner und einen ganzen Tross von Kameraleuten mit an den Hindukusch nahm, hat er nicht vergessen. Man muss lange nach einem Soldaten in Afghanistan suchen, der den Besuch von Frau zu Guttenberg nicht gut fand. Allerdings bemerkte auch kaum einer, dass in Guttenbergs Gefolge noch zwei leibhaftige Ministerpräsidenten waren, die im Trubel völlig untergingen.

In Deutschland jedoch sahen Feinde und Parteifreunde, aber auch ihm Wohlgesinnte in diesem Auftritt den Gipfel der Selbstinszenierung, der vor dem Fall kommt. Das war der Moment, in dem die Bahn seines raketenhaften Aufstiegs brach, weil in diesen Sphären die Luft zu dünn ist zum dauerhaften Überleben. Guttenberg sagt, die Kombination Ehefrau und Talkmaster sei wohl des Guten zu viel gewesen; er sagt, er hätte besser daran getan, bei dieser Gelegenheit auf die Talkshow zu verzichten.

Gegenentwurf zur Guttenberg-Show vom Dezember

Die zehnte Reise sieht denn auch wie ein Gegenentwurf zur Guttenberg-Show vom Dezember aus. Diesmal begleiten ihn, mit einer Ausnahme, keine Journalisten. Selbst sein Sprecher Moritz bleibt in Berlin zurück. Dabei gäbe es diesmal für die Fernsehleute „Atmo“ mit Guttenberg im Felde ohne Ende. Er fliegt zu einem vorgeschobenen Stützpunkt südlich vom Feldlager Kundus, den selbst er noch nicht besucht hat. Dort draußen, wo der Krieg in Afghanistan auch den Deutschen sein wahres Gesicht zeigt, war noch kein Minister.

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