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Vor 60 Jahren : In Berlin wächst die „Schandmauer“ – und zementiert die Teilung

September 1961: Aus Stacheldrahtverhauen wird allmählich „die Mauer“ Bild: Picture-Alliance

Die Menschen in Ost und West waren erschüttert. Die Regierungen hatten zumindest etwas geahnt. Vor 60 Jahren mauerte die DDR-Führung ihr Volk ein. Und der Westen musste ohnmächtig zuschauen.

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          Es gehört zur hohen Kunst der Politik, eine Niederlage nach außen so zu „verkaufen“, als sei es ein Sieg gewesen. Im Konstruieren ganz eigener Wirklichkeiten hatte die Führung der DDR seit der Gründung des Staates 1949 eine beachtliche Fähigkeit entwickelt. Im Sommer 1961 musste sich die Propaganda freilich besonders ins Zeug legen. Dem „Arbeiter-und-BauernStaat“ liefen die Menschen in Massen davon. Sie sahen weder wirtschaftlich noch politisch eine auch nur halbwegs positive Perspektive für sich in der DDR.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Besonders einfach war das Davonlaufen im Stadtgebiet von Berlin, wo die von den drei Westmächten kontrollierten Sektoren im Wortsinn die östliche Tristesse überstrahlten. Der Grenzübertritt war ohne allzu große Probleme möglich, weil die gesamte Stadt unter Viermächteverwaltung stand und politisch-juristisch weiter als Einheit behandelt wurde.

          Für die Führung in Ost-Berlin und ihre Mentoren in Moskau stellte sich in jenem Sommer mit jedem Tag nachdrücklicher das Problem, wie sie die für alle Welt sichtbare Blamage ihres Systems beenden könnten, ohne dabei allerdings einen großen Krieg zu verursachen.

          „Roll back“ als Propaganda entlarvt

          Die Jahre zuvor hatten den Machthabern freilich einen Eindruck davon vermittelt, wie so etwas gehen könnte. Als sowjetische Truppen 1956 den Volksaufstand in Ungarn blutig niederschlugen, hatte der Westen zwar heftig protestiert und viele Flüchtlinge aus Ungarn aufgenommen. Aber die Vereinigten Staaten hatten der Sowjetunion auch zu verstehen gegeben, dass Washington letztlich die Einflusszone Moskaus respektieren werde. Damit war die von der Regierung Eisenhower gern gepflegte Parole eines „roll back“ des Kommunismus als Propaganda entlarvt.

          Nun, einige Jahre später, signalisierte auch der neue Präsident John F. Kennedy, dass der Versuch einer Eroberung West-Berlins ein Kriegsgrund und eine weitere Blockade der Halbstadt wie 1948/49 nicht hingenommen würde, dass aber Maßnahmen an der Grenze eine andere Qualität hätten. Entsprechend versicherte der Oberbefehlshaber der sowjetischen Truppen in der DDR, Marschall Iwan Konjew, den westlichen Alliierten wenige Tage vor dem Ereignis, nichts von dem, was möglicherweise passiere, werde sich gegen West-Berlin und die alliierten Interessen dort richten.

          In den Tagen zuvor hatten westliche Geheimdienste umfangreiche Truppenbewegungen in der DDR beobachtet. Man kann also nicht sagen, dass die Regierungen im Westen von den Ereignissen am 13. August 1961 so maßlos überrascht worden seien wie die Bevölkerung in Ost und West, die sich an jenem Sonntag im August aus durchaus naheliegenden Gründen fragte, ob die Schließung der Grenzen durch die DDR am Ende zu einer kriegerischen Auseinandersetzung in Deutschland führen werde.

          Bewährungsprobe für Politbüromitglied Honecker

          Auf der Seite der DDR-Führung wurde das, was als „Mauerbau“ in die Geschichte eingegangen ist, zur Bewährungsprobe für das SED-Politbüromitglied Erich Honecker. Der Saarländer hatte sich bei der Ausbootung innerparteilicher Rivalen 1958 loyal gegenüber Parteichef Walter Ulbricht gezeigt. Der belohnte ihn mit dem Posten eines Sekretärs des Zentralkomitees, zuständig für Sicherheitsfragen. In dieser Eigenschaft führte Honecker die Aufsicht über die Operationen, die zur Schließung der Grenzen führte.

          Pünktlich um Mitternacht in der Nacht zum 13. August marschierte die in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzte Nationale Volksarmee rund um Berlin auf und riegelte den Zugang zu den Westsektoren ab. Die überraschten Menschen merkten rasch, dass es sich dabei nicht um eine vorübergehende Schließung handelte, denn gleichzeitig begannen Polizisten und Arbeiter damit, Stacheldrahtverhaue zu errichten.

          Diese provisorischen Sperren wurden später durch Betonhindernisse ersetzt. In ihrer Endausbaustufe erreichte die Mauer sowie die Sperranlagen an der Westgrenze der DDR eine Perfektion, die einen Grenzübertritt zu einem lebensgefährlichen, tödlichen Unterfangen machte. Schon bald waren die ersten Toten an der Mauer zu beklagen.

          Innere Stabilisierung der DDR

          Aus der Perspektive Honeckers war die Aktion ein voller Erfolg. Entsprechend triumphal tönte die Ost-Berliner Propaganda, unter anderem mit einem Lied, das „die 13“ besang, die laut Text den einen Pech, den anderen aber Glück bringe. Und in der Tat sind die Jahre nach dem Mauerbau, wenn man die Welt durch die Brille der SED betrachtet, eine Phase der inneren Stabilisierung der DDR. Den Menschen war der Weg nach Westen verbaut, also mussten sie sich irgendwie in dem zweiten deutschen Staat einrichten.

          Der Mauerbau fiel mitten in die Endphase des Bundestagswahlkampfes, in dem Bundeskanzler Konrad Adenauer gegen den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, einen zunehmend schweren Stand hatte. Verbal hagelte es Verwünschungen gegen die „Schandmauer“, die die SED errichtet hatte. Aber real konnte und wollte der Westen nichts tun, um das Monstrum zu beseitigen. Dass es 28 Jahre später nur einer Pressekonferenz bedurfte, um die Mauer zuerst durchlässig zu machen und schließlich umzustürzen, hätte sich im Deutschland des Jahres 1961, das sich im Schockzustand befand, niemand träumen lassen.

          Mit Einverständnis der Sowjetunion schuf die SED wenige Wochen nach dem 13. August juristisch neue Fakten, indem sie Ost-Berlin als Bezirk ins Staatsgebiet der DDR eingliederte. Das widersprach zwar dem nach westlicher Auffassung weiter geltenden Viermächtestatus für ganz Berlin, gehörte aber auch zu den Dingen, die erst die Geschichte regeln sollte.

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