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100 Tage Papst Franziskus : Wild und gefährlich

Der neue Papst meint es ernst. Bild: REUTERS

Was sich nach seiner Wahl bereits andeutete, ist mittlerweile zur Gewissheit geworden: Papst Franziskus ist für den vatikanischen Hofstaat ein einziger Albtraum. Sicher ist auch: Er lebt gefährlich.

          Einst soll der Schriftsteller Arthur Schnitzler seinem älteren Dichterfreund Arthur Rimbaud geschrieben haben: „Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage, lebe wild und gefährlich!“ Gut möglich, dass die Vorliebe des Argentiniers Jorge Bergoglio für deutsche Lyrik ihn auch auf die Spur dieses mittlerweile geflügelten Wortes geführt hat. Jedenfalls lebt der Jesuit, der es als junger Mann mit Militärdiktatoren zu tun hatte und der sich zuletzt immer wieder mit den lupenreinen Demokraten an der Spitze seines Landes anlegte, seit drei Monaten wilder und gefährlicher denn je.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Denn was sich in den ersten Tagen nach seiner Wahl am 13. März andeutete, ist mittlerweile zur Gewissheit geworden: Papst Franziskus ist für den vatikanischen Hofstaat ein einziger Albtraum und spätestens seit der vergangenen Woche für die vatikanische Sex-and-Crime-Szene ein unberechenbares Risiko.

          Die erste Machtprobe mit der Kurie gewann Franziskus wenige Minuten nach seiner Wahl. In dem Ankleideraum neben der Sixtinischen Kapelle verweigerte er sich den Zumutungen, die die Erscheinung seines Vorgängers Benedikt XVI. zu einer Travestie de Luxe hatten verkommen lassen: Blech statt Gold, Stoff statt Pelz, Galoschen statt roten Leders. Am folgenden Tag: Bus statt Nobelkarosse. Bis auf weiteres: Gästehaus statt Palast, Speisesaal statt Tafel, Gottesdienst in Gemeinschaft statt privater Hokuspokus. Franziskus predigt nicht nur über die Agenda des Südens von A wie Armut bis Z wie Zuwendung, er lebt sie.

          Hoffnung auf eine Reform der Kirche

          Doch was folgt daraus für die Arbeit in der Kurie und für den Lebenswandel von Kardinälen, für die immer ein Umschlag („busta“) mit üppigem Handgeld bereitlag, ganz zu schweigen vom Lebensstil deutscher Kirchenfürsten, die ihre Luxuslimousine samt Fahrer nach Rom entsenden, ehe sie dort dem Flugzeug entsteigen? Bis jetzt hat der Papst kleine, aber unübersehbare Zeichen gesetzt.

          Den Kardinälen, die die Aufsicht über die Vatikanbank IOR führen sollten, hat Franziskus kurzerhand die Boni (!) gestrichen. Einem anderen Kardinal, dem sein engster Mitarbeiter zu Zeiten Benedikts nach guter vatikanischer Art durch eine Intrige anderer Kardinäle abhandenkam, überließ er die Auswahl des Nachfolgers.

          Geschichten wie diese machen in der Kirche in Windeseile die Runde. Denn in die Erleichterung darüber, dass Franziskus Spitzenrochetts und hermelinbesetzte Schulterumhänge abgeschafft hat, mischt sich Hoffnung auf eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Auf allen Kontinenten weiß man seit den Tagen von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ein bitteres Lied davon zu singen, wie sich päpstliche Günstlingspolitik und kuriale Missachtung der Sorgen und Nöte der Kirchen am Ort auswirken - vor allem bei der Besetzung von Bischofssitzen.

          Als Erzbischof von Buenos Aires hat Bergoglio das Treiben sinistrer Gestalten und Gremien im Vatikan oft mit angesehen. Als Bischof von Rom hat er es in der Hand, das auf dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) rehabilitierte Prinzip der Kollegialität der Bischöfe mit Leben zu füllen. Dass es Franziskus ernst meint, hat er mit der Einberufung einer Kommission von acht Kardinälen aus allen Kontinenten bewiesen. Diese sollen ihm Vorschläge zur Reform der Kurie unterbreiten und ihn bei der Leitung der Kirche beraten. Sollte der Papst auch dem römischen Zentralismus den Garaus machen wollen, dann hätte er dazu zumal in Deutschland viel Gelegenheit: Spätestens im nächsten Jahr müssen die Domkapitel von Freiburg, Hamburg und Köln aus einer in Rom erstellten Dreierliste neue Bischöfe wählen.

          Die mächtigsten Dämonen zum Feind

          Zuletzt waren die Kandidaten auf den Listen nur selten mit denen identisch, die die Kapitel oder auch der päpstliche Botschafter (Nuntius) in Kenntnis der Stärken und Schwächen der Kirchen am Ort zusammengestellt hatten. Das könnte sich ändern. Mehr noch: Es ist längst an der Zeit, dieses in Deutschland bewährte Wahlverfahren mit seinen Checks and Balances weltweit zur Regel zu machen, anstatt die Bischöfe „frei“ zu ernennen. Franziskus müsste nicht einmal das Kirchenrecht ändern. Nebenbei wäre ein großes Hindernis auf dem Weg zu mehr Gemeinschaft mit den Kirchen der Orthodoxie beseitigt.

          Wie wild es der Papst wirklich treiben wird, ist nicht abzusehen. Sicher ist nur: Er lebt gefährlich. Gegenüber einer Delegation von Ordensleuten aus Lateinamerika hat er unumwunden eingestanden, dass Korruption und Seilschaften Homosexueller im Innersten des Vatikans alles andere sind als krankhafte Ausgeburten sensationslüsterner Medien. Ebenso unumwunden gestand er ein, noch nicht zu wissen, wie mit diesen Kräften umzugehen sei. Doch gleich welche personellen und strukturellen Konsequenzen er wann ziehen wird, mit seinem Eingeständnis hat er sich die mächtigsten Dämonen zum Feind gemacht: Geld und Sex. Benedikt hatte einiges ins Werk gesetzt, um deren Macht einzudämmen. Am Ende hat er psychisch zermürbt („Vatileaks“) kapituliert. Sein Nachfolger spricht nicht nur vom Teufel. Er hat die Mächte des Bösen mit Namen genannt. Gebannt sind sie damit noch nicht.

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