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Weimarer Republik : Einst verdammt, jetzt gewürdigt

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel trifft auf dem Weimarer Theaterplatz zum Festtag des 100-jährigen Jubiläums der Weimarer Republik ein. Bild: EPA

Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Verfassung beschlossen. Sie galt vielen als Konstruktionsfehler – der Fokus lag auf dem Untergang der Republik. Doch heute erfährt sie eine ungeahnte Wertschätzung.

          7 Min.

          Die Zukunft steht in einem Weimarer Hotel in einem Glaskasten, der Bundespräsident beugt sich darüber. „Aha“, sagt Frank-Walter Steinmeier und blickt auf ein Modell, das wie eine Symbiose aus griechischem Tempel und Parkhaus aussieht. Es zeigt das künftige „Haus der Weimarer Republik“, das wenige hundert Meter entfernt im Zentrum der Stadt errichtet wird. Ein Haus des Erinnerns an die erste deutsche demokratische Verfassung soll es werden, aber auch ein Forum für Demokratie.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Steinmeier unterstützt den Plan, denn der Zustand der Demokratie ist ein Hauptthema seiner Präsidentschaft. Er erkundigt sich nach dem Stand der Dinge, und der hat sich, auch weil die Abstimmungen eben demokratisch laufen, verzögert. 2021 soll alles fertig sein, erklären ihm Vertreter des Vereins Weimarer Republik. Steinmeier guckt zufrieden. Er freue sich, dass das Thema endlich öffentliche Beachtung finde. „Weimar steht für einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte“, sagt Steinmeier. „Es war eine große Stunde, ein Meilenstein für die Demokratie.“

          Stephan Zänker lächelt, als er die Worte hört, er ist Geschäftsführer des Vereins Weimarer Republik. Am Tag bevor Steinmeier zu Besuch kommt, baut er in dem Saal das Modell auf. Im Sommer soll im Altbau des Gebäudes, das einst das Bauhaus-Museum beherbergte, immerhin schon mal die Dauerausstellung zur Weimarer Republik eröffnen. „Da geht ein Traum in Erfüllung“, sagt Zänker. „Und das am dafür besten Platz der Stadt.“ Das Haus der Weimarer Republik wird direkt gegenüber des Deutschen Nationaltheaters stehen, in dem am 6. Februar 1919 die Deutsche Nationalversammlung erstmals zusammenkam.

          Mammutaufgabe, eine Republik zu schaffen

          Die 423 Abgeordneten aus neun Parteien, die erstmals von Männern und Frauen gewählt worden waren, standen damals vor einer Mammutaufgabe: Sie mussten eine Rechtsordnung für die Republik schaffen, Frieden mit den Kriegsgegnern schließen, eine neue Staatsspitze bestimmen sowie die nach dem Krieg verbreitete Not im Land lindern, ja überhaupt das Deutsche Reich, dessen Kaiser geflohen war, verwalten und zugleich neu gestalten. „Das war eine ungeheure Aufgabe, die diese Republik trotz aller Fehler und Konflikte erstaunlich gut gemeistert hat“, sagt Zänker, der dafür wirbt, Deutschlands erste Demokratie nicht mehr nur von ihrem Ende her zu sehen und zu beurteilen.

          Noch vor zehn Jahren, zum 90. Jubiläum, war Letzteres Standard, berichtet Zänker. Da habe am 6. Februar die Friedrich-Ebert-Stiftung im Nationaltheater an die verfassungsgebende Versammlung erinnert und Frank-Walter Steinmeier, damals Außenminister, die Festrede gehalten. Unmittelbar danach sei die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Gregor Gysi als Redner ins Haus gezogen. „Es war ein Erinnern in Frontstellungen“, sagt Zänker. „Es gab kein gemeinsames Gedenken, viele Parteien fehlten ganz.“ Jahrzehntelange Mantras wie „Bonn ist nicht Weimar“ oder „Berlin ist nicht Weimar“ hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.

          Er sei noch heute enttäuscht, wie das Jubiläum damals „an der deutschen Öffentlichkeit vorbeigerauscht“ sei, sagt am Mittwoch auch Frank-Walter Steinmeier. Noch bis vor wenigen Jahren wollte sich die Bundesregierung mit Weimar nicht die Finger verbrennen, und in Weimar selbst war es kaum anders. Außer der von Walter Gropius gestalteten Gedenktafel am Theater habe in der Stadt nichts an die Weimarer Republik erinnert, erzählt Zänker. Nach dem Fiasko zum 90. Jubiläum beschlossen er und ein paar Mitstreiter, darunter der Weimarer Bundestagsabgeordnete Carsten Schneider (SPD), das zu ändern.

          In Weimar tummeln sich die Erinnerungen: Der Theaterplatz mit dem Goethe-Schiller-Denkmal

          Sie gründeten den Verein Weimarer Republik mit dem Ziel, die Geschichte der ersten deutschen Demokratie aufzuarbeiten, ihre Errungenschaften ins Licht zu rücken und aus den Erfahrungen zu lernen. In Berlin stießen sie damit zunächst auf taube Ohren und auch der Weimarer Stadtrat lehnte die Idee einer festen Erinnerungsstätte erstmal ab. Nicht noch ein Museum, hieß es zur Begründung, die sowohl der Befürchtung neuer finanzieller Verpflichtungen als auch der verbreiteten Angst vor politischer Auseinandersetzung entsprang. Man hatte doch Goethe und Schiller, und selbst das Bauhaus war Konsens. Warum also mit einem heiklen Thema womöglich noch Touristen vergraulen?

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