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1. Mai in Berlin : Flaschensammeln mit dem schwarzen Block

Teilnehmer einer linken 1.Mai-Demonstration am Mittwoch in Berlin Bild: Reuters

Nach Jahren mit friedlicheren Protesten fürchtete Berlin bei der „Revolutionären 1.-Mai-Demonstration“ in Friedrichshain neue Gewaltausbrüche. Doch die Proteste blieben weitgehend friedlich. Und manche Berliner haben ohnehin andere Sorgen.

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          Während sich hinter ihr der schwarze Block formiert, sammelt Inge Dabrunz am Wismarplatz Flaschen. Die 74 Jahre alte Frau schiebt sich leicht gebückt durch die schwarz gekleideten 1.Mai-Demonstranten. Mit der gelben Warnweste und ihrem Fahrradhelm in rosa und lila fällt sie auf unter den etwa tausend Linksradikalen und ihren Sympathisanten, die sich in Berlin-Friedrichshain versammelt haben.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Während Redner auf der Bühne die Menschen auf die Enteignung von Immobilienkonzernen einschwören und den Ausverkauf Berlins oder die Ungerechtigkeiten von Hartz IV anprangern, greift sich Dabrunz vom Boden eine Flasche nach der anderen. Sie trägt sie zur nächsten Straßenlaterne und stellt sie im Halbkreis um den Mast auf. „Ich will sie ja gar nicht selbst“, sagt die 74 Jahre alte Frau. Aber es gebe viele, die sich mit dem Pfand etwas dazuverdienten. Und für die sei es ja blöd, wenn die Flaschen zu Bruch gingen, wenn es gleich mit der Demo losgehe.

          Die „Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration“ die unter dem Motto „Gegen die Stadt der Reichen“ am Abend vom Wismarplatz über die Frankfurter Allee und die Rigaer Straße bis zur Warschauer Brücke ziehen soll, ist nicht angemeldet. Trotzdem hat sich Innensenator Andreas Geisel (SPD) entschieden, sie ziehen zu lassen. Seit einigen Jahren setzt Berlin bei den Demonstrationen am Tag der Arbeit auf eine Doppelstrategie: Kommunikation und mit denen, die zu Kommunikation bereit sind, ein hartes Durchgreifen, wenn Straftaten begangen werden. Doch dieses Mal waren vor dem 1. Mai Zweifel aufgekommen, ob sich diese Herangehensweise weiter bewähren würde.

          „Die Polizei ist in den letzten Jahren ruhig geblieben“

          Das lag vor allem daran, dass die Demonstration der Linksradikalen zum ersten Mal seit Jahren nicht durch Kreuzberg ziehen sollte. Dort war sie bislang durch das „Myfest“ eingehegt worden, ein populäres Kiezfest mit Imbissständen und Musikbühnen. Mögliche Ausschreitungen sollten so eingedämmt werden. Doch in diesem Jahr wollten die Linksradikalen einen stärker kämpferischen 1. Mai und kündigten eine Demonstration durch Friedrichshain an – wo auch die emotional stark aufgeladenen linken Wohnprojekte Rigaer94 und Liebig34 liegen. Mit den Themen Wohnungsnot, Mietensteigerung und Enteignungen wollten sie noch mehr Leute mobilisieren.

          Inge Dabrunz findet es gut, dass „die jungen Leute die revolutionäre Idee hochhalten“. Als ehemaliger DDR-Bürgerin sei ihr das wichtig. Dass ein Teil der Demonstranten auch dazu bereit wäre, die von ihr aufgesammelten Glasflaschen als Wurfgeschosse zu verwenden oder andere Straftaten zu begehen, bedauert sie. Das schwäche eine an sich gute Sache, sagt Dabrunz. Sie glaubt aber auch, dass die jungen Linksradikalen dazugelernt hätten und nicht mehr so stark auf Provokationen aus seien. „Und die Polizei ist in den letzten Jahren ruhig geblieben“, sagt sie, bevor sie wieder in der Menge verschwindet. Flaschen retten.

          Auch an diesem Abend halten sich die etwa zweitausend Polizisten, die den Demonstrationszug begleiten sollen, zunächst im Hintergrund. Nur kleine Gruppen stehen direkt auf dem Wismarplatz, die anderen haben sich in den Seitenstraßen und entlang der Route positioniert. Auch als während der Kundgebung erste Feuerwerkskörper gezündet werden, greift niemand ein. Als sich der Zug gegen 19 Uhr in Bewegung setzt, sind die Kneipen und Restaurants an der Grünberger Straße noch gut besucht.

          Einige Passanten verfolgen das Treiben mit irritierten Blicken, andere reihen sich in den Zug ein. In den Straßen skandieren die Demonstranten Sprechchöre gegen Kapitalismus und Faschismus, über ihnen kreist ein Hubschrauber. Die Stimmung ist zum Teil aufgeheizt, vereinzelt werden Böller oder bengalische Feuer gezündet. Auf den Balkonen entlang der Route beobachten zahlreiche Anwohner, wie sich der Demonstrationszug – mit je nach Angaben zwischen 5000 und 10.000 Teilnehmern – seinem inoffiziellen Höhepunkt entgegenbewegt: der Rigaer Straße.

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