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Erster Kirchentag 1919 : Gegen die Feinde der Religion

Traditionsbewusst: Kirchengängerinnen nach der Konfirmation Bild: Ullstein

In Dortmund beginnt am Mittwoch der 37. Evangelische Kirchentag. Vor 100 Jahren fand in Dresden der erste statt – unter hochpolitischen Vorzeichen. Denn der jungen Weimarer Republik trauten die Protestanten nicht über den Weg.

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          Ganz zufrieden wird Carola Barth nach dem ersten evangelischen Kirchentag nicht nach Frankfurt zurückgefahren sein. Dabei widmete man ihrem Thema, dem evangelischen Religionsunterricht in den Schulen, einen ganzen Tag. Nicht ohne Grund, denn in der jungen Weimarer Republik witterten die Protestanten französische Verhältnisse: Sie fürchteten um ihre Privilegien, wollten nicht vollständig ins Private verdrängt werden und sahen die Gefahr, dass der verpflichtende Religionsunterricht aus den Schulen verbannt werden könnte.

          Barth selbst fiel es zu, das Thema im Ausschuss zu vertreten. Als erste Frau überhaupt an einer deutschen Universität wurde sie 1907 im Fach evangelische Theologie promoviert. In Frankfurt arbeitete sie als Lehrerin, saß im Stadtparlament und war gerade in den Kirchenausschuss berufen worden, als Verbände, Vereine und die 28 evangelischen Landeskirchen Anfang September 1919 für fünf Tage in Dresden zusammenkamen. Das erklärte Ziel: eine Synode zu schaffen, die alle evangelischen Kräfte bündeln könne. Der erste amtliche evangelische Kirchentag sollte zur Demonstration protestantischer Macht werden.

          Nach der Novemberrevolution des Jahres 1918 stürzte mit der Monarchie auch das landesherrliche Kirchenregiment. Über vier Jahrhunderte hatte es bestanden. Nun galt es zu verhindern, dass die evangelische Kirche in der Bedeutungslosigkeit versinken würde. Der Vorsitzende des Deutschen Pfarrervereins, Dekan K. Deißmann, warnte 1918 besonders eindringlich davor, wie der Theologe Daniel Bormuth schreibt, der sich detailliert mit der Geschichte der evangelischen Kirchentage in der Weimarer Republik beschäftigt hat.

          Damals habe Deißmann gesagt, dass die evangelische Kirche in Deutschland „zu einer Null“ geworden sei, „mit der niemand, weder Bekenner noch Gegner, mehr rechnet“. Für die Landeskirchen sagte er noch voraus, dass sie sich zu einer „Schar zerbröckelnder Sekten“ entwickeln würden, sobald Staat und Kirche voneinander getrennt würden.

          Die große Idee einer „Volkskirche“

          Unter diesen Vorzeichen galt es also nach dem turbulenten Ende des Kaiserreichs die Verhältnisse neu zu ordnen – zwischen Kirche und Republik, aber auch innerhalb der evangelischen Kirche. Progressive und liberale Kräfte sahen ihre Chance, die Kirche grundsätzlich umzugestalten. Sie wollten Kirchenämter durch Urwahlen besetzen lassen – als demokratische Ordnung aus den Gemeinden heraus. Carola Barth setzte sich dafür ein, das volle Pfarramt für Frauen zu öffnen. Und über allem stand die Idee, die evangelische Kirche zu einer „Volkskirche“ zu machen.

          Doch wenngleich die Leitidee einer „Volkskirche“ sowohl bei liberalen wie bei konservativen Protestanten Anklang fand – was sich verfassungspolitisch hinter dem Begriff verbergen sollte, verstanden beide Gruppen sehr unterschiedlich. Franziska Ohnesorg, eine Berufskollegin von Carola Barth, die für die Verbandspublikation „Die Lehrerin“ über den Kirchentag berichtete, fasste die Arbeit in den Fachausschüssen so zusammen: „Gegensätze zwischen rechts und links standen sich oft scharf gegenüber.“ So habe man mehr als einmal eine Abstimmung über strittige Fragen einfach unterlassen. „Möglich, dass von mancher Seite das dem Kirchentag als Schwäche ausgelegt wird“, schrieb sie dann noch.

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