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Die Achillesferse der Nato

Von ELISABETH BRAW
Foto: EPA

17.11.2017 · Die Ostflanke des Bündnisses ist in Gefahr. Das liegt nicht nur an Russland. Der Landweg durch Europa gleicht für die Truppen einem Hindernisparcours.

I m Juli diesen Jahres nahm die amerikanische Armee an einer Übung in Rumänien teil. Bis heute warten die in Deutschland stationierten Einheiten immer noch auf Teile ihrer Ausrüstung, die sie nach Rumänien verlegt hatten. Aufgrund fehlender Bahntransportkapazitäten sitzt das Material dort fest. Logistik wird oft als langweilig empfunden, aber ohne sie kommen keine Lebensmittel in die Supermärkte. Und auch Nato-Streitkräfte kommen ohne sie nicht dorthin, wo sie gebraucht werden. „Es ist von enormer strategischer Bedeutung, dass sich Streitkräfte in Europa frei und ohne Hindernisse bewegen können“, sagt Generalleutnant Ben Hodges. „Wir müssen uns genauso schnell oder schneller bewegen können als die russischen Streitkräfte. Dann haben die Politiker im Ernstfall mehr Alternativen als beispielsweise einen Befreiungskrieg im Baltikum.“


„Es ist von enormer strategischer Bedeutung, dass sich Streitkräfte in Europa frei und ohne Hindernisse bewegen können. Wir müssen uns genauso schnell oder schneller bewegen können als die russischen Streitkräfte.“
Generalleutnant Ben Hodges

Als Kommandeur der amerikanischen Heeresstreitkräfte in Europa trägt Hodges eine große Verantwortung dafür, dass die Nato einen Angriff Russlands im Fall des Falles abwehren kann. Oberster Befehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa ist zwar Hodges‘ amerikanischer Kollege General Curtis Scaparrotti. Mit 30.000 Soldatinnen und Soldaten und deren imposanter Ausrüstung verfügt Hodges aber über die Speerspitze für die europäische Verteidigung. Hodges‘ Soldaten – und ihre Kameraden aus anderen Nato-Staaten – können sich in Europa aber nur bedingt bewegen. Im Kalten Krieg führten die Nato-Streitkräfte regelmäßig gewaltige Übungen durch, bei denen Einheiten über weite Entfernungen, auch über Ländergrenzen hinweg, verlegt wurden. Kommandeure wussten genau, welche Straßen und Brücken welches Gewicht tragen konnten, welche Tunnel für Panzer notwendige Ausmaße hatten. Sie wussten, wo Bahnwaggons für Militärtransporte bereitstanden.

Multinationale Nato-Kampftruppen im Baltikum

Estland

Tapa

Truppenstärke: 1100

Russland

Ādaži

Truppenstärke: 1100

Lettland

Ostsee

Litauen

Rukla

Truppenstärke: 1000

Kaliningrad

(zu Russland)

„Suwalki Lücke“

WeissRussland

Orzysz

Truppenstärke: 1300

Warschau

Polen

Quellen: nato.int,

eigene Recherchen

Grafik: F.A.Z.

Russland

mit Russland verbündet

Nato-Mitglied

St. Petersburg

Tallinn

Tapa

Truppenstärke: 1100

Länder: GB (Führung), F, DNK (ab 2018)

Estland

Russland

Schweden

Ādaži

Truppenstärke: 1100

Länder: CAN (Führung), ALB, ESP, ITA, POL, SVN

Riga

Lettland

Ostsee

Litauen

Rukla

Truppenstärke: 1000

Länder: DEU (Führung), BEL, LUX, NL, NOR, F und HRV (ab 2018)

Kaliningrad

(zu Russland)

„Suwalki Lücke“

Orzysz

Truppenstärke: 1300

Länder: USA (Führung), GB, ROU

Nato-Hauptquartier Nordost,

Szczecin

WeissRussland

Polen

Berlin

Warschau

Ukraine

100 km

Quellen: nato.int, eigene Recherchen / Grafik: F.A.Z.

Russland

Nato-Mitglied

mit Russland verbündet

St. Petersburg

Tallinn

Tapa

Truppenstärke: 1100

Länder: GB (Führung), F, DNK (ab 2018)

Estland

Schweden

Russland

Ādaži

Truppenstärke: 1100

Länder: CAN (Führung), ALB, ESP, ITA, POL, SVN

Riga

Lettland

Ostsee

Litauen

Rukla

Truppenstärke: 1000

Länder: DEU (Führung), BEL, LUX, NL, NOR, F und HRV (ab 2018)

Kaliningrad

(zu Russland)

„Suwalki Lücke“

Orzysz

Truppenstärke: 1300

Länder: USA (Führung), GB, ROU

WeissRussland

Nato-Hauptquartier Nordost,

Szczecin

Deutschland

Polen

Berlin

Warschau

Ukraine

100 km

Quellen: nato.int, eigene Recherchen / Grafik: F.A.Z.

Russland

Nato-Mitglied

mit Russland verbündet

Heute weiß das niemand mehr so genau. „Die eFP [Enhanced Forward Presence, die Nato-Bataillone im Baltikum und Polen] ist ein Signal, aber keine Abschreckung“, sagt General Sir Richard Barrons, bis letztes Jahr Kommandeur des britischen Joint Forces Command. „Zur Abschreckung braucht man einen Mobilisierungsplan. Man muss wissen, wo die Kräfte und die Ausrüstung sind, und wie mobilisiere ich sie?“ In den neunziger Jahren hörte die Nato auf, Infrastrukturangaben über Brücken, Straßen, und Tunnel in der Allianz zu erheben. Jetzt sammelt sie diese Daten wieder. Das müsste aber viel schneller gehen, damit auch Reparaturen durchgeführt werden können, denn was den Befehlshabern fehlt, ist eine sicher funktionierende Infrastruktur. Deutschland verfügt nur über eine Brücke, die einen großen Konvoi tragen kann; andere Nato-Mitglieder haben gar keine. Das Fehlen geeigneter Brücken ist kein triviales Problem, denn um das Baltikum zu erreichen, müssten Nato-Streitkräfte mehrere große Flüsse überqueren. Gelänge das nicht, stünden kampfkräftige Verbände zwar bereit, zum Einsatz kämen sie aber nicht.

Auch bei Übungen liegt die Nato gegenüber Russland hinten: Seit Anfang 2015 hat Russland den Einsatz in Großübungen dreimal so oft geübt wie die Nato in Europa. Es ist für die Nato heute zwar nicht mehr erforderlich, wie im Kalten Krieg regelmäßig Zehntausende von Soldaten aus den Vereinigten Staaten nach Europa zu verlegen und über Wochen hinweg üben zu lassen. In kleinerem Rahmen sind solche Übungen aber notwendig.

Die Nato steht allerlei Herausforderungen gegenüber: Wer soll was zahlen? Wie groß sollen die Streitkräfte der Mitgliedstaaten sein, und welche Großwaffensysteme und Ausrüstung benötigen sie? Sollten amerikanische Streitkräfte Europäern überhaupt helfen? Wenn nicht, wie sollte sich die europäische Seite organisieren? Wie sollten wir gegen Cyber-Gefahren und andere hybride Bedrohungen vorgehen? Und wie gegen Terrorismus? Alarmstufe Rot herrscht bei der Verteidigungsallianz schon jetzt: laut einem internen Bericht könnte sie sich gegen einen russischen Angriff nicht verteidigen. Die schnelle Eingreiftruppe der Nato würde drei bis vier Wochen brauchen, um etwa im Baltikum anzukommen, von den Hauptstreitkräften ganz zu schweigen.

Nato-Truppen bauen eine Ponton-Brücke, um schweres Gerät während eines Manövers in Litauen über einen Fluss zu befördern. Video: AiirSource Military

Die Logistik spielt dabei eine Hauptrolle. Heute sind Brücken, Bahnwaggons und Bürokratie die Achillesferse der Nato-Streitkräfte, denn trotz Kürzungen in fast jedem Mitgliedsstaat stehen den Nato-Nationen immerhin fast drei Millionen Soldatinnen und Soldaten zur Verfügung. Gerade in der Logistik könnte sehr schnell sehr viel getan werden – und es müsste nicht einmal sehr teuer werden. Die Datenerhebung der Allianz zur Verkehrsinfrastruktur in jedem Nato-Mitgliedsstaat könnte beschleunigt werden, und die Nachzügler sollten zur Nachbesserung aufgefordert werden. Noch schneller und billiger wäre eine Reform des Stempel-Fetischismus. Heute muss ein militärischer Konvoi in Deutschland, Rumänien und der Slowakei beispielsweise zehn Arbeitstage vor der Ankunft angemeldet werden. In der Tschechischen Republik sind es sogar 14 Arbeitstage. Und selbst wenn der Konvoi zeitgerecht beantragt wurde kann der Zollbeamte an der Grenze sämtliche Dokumente kontrollieren, wie es ein amerikanisches Regiment an der Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien vor kurzem erfahren musste.


„Nato-Streitkräfte sollen sich in Europa so schnell bewegen können wie ein polnischer LKW mit einer Ladung Äpfeln auf dem Weg nach Lissabon.“
Generalleutnant Ben Hodges

Für den Fall eines direkten Angriffs fallen wesentliche bürokratische Hürden weg. Ohne zuverlässige Infrastruktur können NATO-Streitkräfte sich aber trotzdem noch nicht einmal so schnell bewegen wie der Apfel-Lieferant. Und ohne regelmäßige Übungen entstünde Chaos. Wenn Logistik und Bürokratie geschmeidig funktionierten, könnte die Nato aber um ein vielfaches stärker auftreten. Eine „Nato-Schengen-Zone“, in der sich Streitkräfte so einfach bewegen können wie europäische Touristen oder Lastkraftwagen mit Äpfeln ist auch eines der Ziele der vieldiskutierten EU-Verteidigungs-Initiative im Rahmen der sogenannten Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit (englisch PESCO). Diesen Monat haben sich die NATO-Verteidigungsminister zudem auf die Aufstellung eines Logistik-Kommandos geeinigt. Dies ist ein wichtiger Schritt, doch mit Brückenreparatur und Bürokratiereform wird sich der Kommandeur dieses neuen Kommandos nicht beschäftigen. Darum müssen sich die nationalen Regierungen zuvorderst selbst kümmern, und zwar schleunigst. Hoffnung gibt da auch eine diesen Monat vorgestellte EU-Initiative, die bis März nächsten Jahres einen Plan zu effizienten Militärtransporten innerhalb der EU vorstellen soll.

Nato-Truppen im Manöver

Foto: BIELECK/EPA-EFE/REX/Shutterstock
Foto: dpa
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Foto: Reuters

Osteuropa ist für die Nato schon lange kein unbekanntes Terrain mehr. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft üben Truppen des Bündnisses vom Baltikum bis nach Rumänien. Mit Einsatzbataillonen unterhalten eine Reihe von Alliierten zudem in Estland, Lettland, Litauen und Polen eine symbolische Präsenz. Im Verteidigungsfall aber bräuchte es mehr als das. Unter anderem: Schnellere Verbindungswege aus dem Westen.

Denn ein Gegner wartet keine internen Verhandlungen der Nato oder der EU ab. Schließlich wissen die Russen bestens, wie es um die Bewegungsmöglichkeiten und damit um die Kampfkraft unserer Streitkräfte steht. Mit Konzepten wie PESCO lässt sich aktuell kein Widersacher abschrecken; mit einsatzbereiten Soldaten, die innerhalb von Tagen Streitkräften entgegentreten können, aber schon. Deutschland fällt hierbei eine Hauptrolle zu. „Deutschland ist der unentbehrlichste Alliierte der USA in Europa, und ist auch eine entscheidende Transitzone“ sagt Hodges. Schon jetzt schicken die Amerikaner regelmäßig Soldaten nach Europa, die mit Hodges‘ Soldaten gemeinsam üben. Auch diese Kräfte treffen zuerst in Deutschland ein. Darüber hinaus führt die Bundeswehr seit 2016 das eFP-Bataillon der Nato in Litauen. Die Bundeswehr wird in den nächsten Jahren die Verteidigung Europas nicht anführen können; dazu fehlen wesentliche Fähigkeiten. Als Logistik-Führer könnte Deutschland aber schnell eine fast ebenso wichtige Rolle spielen. Davon würde auch die Zivilbevölkerung profitieren, denn um große Teile der deutschen Infrastruktur steht es nicht gut. Vor allem die Auto- und Eisenbahnbrücken sind veraltet, ebenso das gesamte Schienennetz. Im August musste die wichtigste Schienenverbindung in die Schweiz für mehrere Wochen gesperrt werden.

Das Verteidigungsministerium sollte auch auf mehr gemeinsame Übungen der Nato drängen, denn „Übungen signalisieren nicht nur, dass wir uns verteidigen können, sondern dass wir es auch wollen“, wie Sir Richard erklärt. „Die Gefahr ist, dass wir Litauen nicht rechtzeitig erreichen, um die Deutschen und ihre internationalen Kameraden zu unterstützen“, sagt Hodges. Verteidigungsintegration hin und Aufgabenteilung her: Die Nato muss etliche zentrale Probleme lösen. Mit vergleichsweise wenig Geld könnte sie aber durch Fokus auf Logistik schnell Alarmstufe Rot auf Gelb umschalten.


Die Autorin, Elisabeth Braw, ist Stipendiatin des Atlantic Council's Scowcroft Center for Strategy and Security und des European Leadership Networks (ELN). Sie arbeitet zudem als Senior Consultant am Hauptsitz von Control Risks, einer globalen Risikoberatungsfirma. Die von ihr im Artikel vertretenen Ansichten sind ihre eigenen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 17.11.2017 09:27 Uhr