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Informationspolitik : Das Chaos im Vatikan

Ein Theologe, kein Kommunikationsmanager: Papst Benedikt XVI. vergangene Woche im Vatikan Bild: REUTERS

Papst Benedikt XVI. entscheidet viele Dinge alleine. Er ist ein brillanter Theologe. Doch als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation musste er sich nur um die Reinheit der Lehre kümmern. Einen Sinn für das Mögliche hat er dadurch nicht entwickelt.

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          Es ist Mittwoch, der 28. Januar, als zu früher Stunde in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin ein Anruf eingeht: Ob der Botschafter des Heiligen Stuhls in Deutschland zu einem Gespräch über die Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalisten-Bischöfe zur Verfügung stehe? Der Botschaftsmitarbeiter überlegt nicht lange: „Wenden Sie sich nach Rom. Wir haben keine Informationen, die über das bereits Bekannte hinausgehen.“ Nachfrage: „Es geht nicht um Bischof Williamson, sondern um die Folgen der Entscheidung des Papstes für die katholische Kirche in Deutschland wie für die nicht wenigen Einrichtungen der Pius-Bruderschaft in Deutschland . . .“ Schweigen. Dann: „Wir haben keine . . .“ So ist es wohl.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          So dürfte es aber nicht sein, jedenfalls nicht seit der Reform der vatikanischen Kurie durch Papst Paul VI. im Jahr 1967: Damals machte der Papst aus dem Staatssekretariat eine Oberbehörde, die nach Art eines vereinigten Kanzler- und Auswärtigen Amts für die Koordination der Abläufe in der Kurie in Rom ebenso verantwortlich war wie für den Kontakt mit den päpstlichen Botschaften und den Regierungen in aller Welt.

          Dauer-Rivalität von Glaubenskongregation und Staatssekretariat

          Gerade im 20. Jahrhundert waren aus dem Staatssekretariat immer wieder mächtige Männer hervorgegangen: Pius XII. (1876–1958) war vor seiner Wahl zum Papst im Herbst 1939 mehr als zehn Jahre Kardinalstaatssekretär, Paul VI. (1897–1978) hatte die Jahre zwischen 1922 und 1954, von einem kurzen Aufenthalt in Warschau abgesehen, ununterbrochen im Staatssekretariat gedient, und Agostino Casaroli (1914–1998), der wegen seiner Ostpolitik nicht unumstrittene, insgesamt aber einflussreichste Vatikan-Diplomat der Nachkriegszeit, wurde 1979 unter Johannes Paul II. für elf Jahre Kardinalstaatssekretär.

          Tage gezählt: Giovanni Lajolo

          Joseph Kardinal Ratzinger hatte sich mit dem Kardinalstaatssekretariat nie leichtgetan. Als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre musste er das auch nicht, schließlich ist die Rivalität von Glaubenskongregation und Staatssekretariat, von Dogma und Diplomatie, nicht nur so alt, wie es beide Behörden gibt, sondern für die Kirche lebensnotwendig: Die einen wachen über die Reinheit der Lehre, die anderen sorgen dafür, dass der Sinn für das Mögliche nicht verlorengeht.

          Ungleichgewicht der Kräfte

          Also stritt Kardinal Ratzinger in der Auseinandersetzung über die Beteiligung der katholischen Kirche an der gesetzlichen Schwangerenberatung nicht nur gegen die Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz, sondern auch gegen Kardinalstaatssekretär Sodano, der wiederum seinen piemontesischen Landsmann und langjährigen Weggefährten Giovanni Lajolo zum Nuntius in Deutschland gemacht hatte.

          Als aus Kardinal Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde, waren die Tage der Piemontesen gezählt. Doch anstatt das Gleichgewicht der Kräfte im Vatikan wiederherzustellen und einen Diplomaten an die Spitze des Staatssekretariats zu stellen, machte der Theologieprofessor Benedikt einen seiner langjährigen Mitarbeiter in der Glaubenskongregation zum mächtigsten Mann in der Kurie: den diplomatisch unerfahrenen Kirchenrechtler Tarcisio Bertone. Seitdem ist im Vatikan nicht mehr viel so, wie es einmal war.

          Rat in den Wind geschlagen

          Nicht nur Nuntien, auch Bischofskonferenzen und selbst die Pressestelle des Vatikans erfahren wichtige Vorgänge im Vatikan mitunter eher aus den Medien als aus dem Staatssekretariat, Abstimmungen zwischen den einzelnen Kurienbehörden sind die Ausnahme. Böser Wille ist dabei nicht am Werk. Der Salesianer-Kardinal liebt im Gegensatz zu Papst Benedikt das Reisen und ist nur selten in Rom.

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