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INF-Poker mit Amerika : Russlands merkwürdige Raketenshow

Transparenz oder die Illusion davon? Die Präsentation der russischen Streitkräfte zum Marschflugkörper 9M729 Bild: Reuters

In wenigen Tagen will Donald Trump den INF-Vertrag mit Russland kündigen. Dem Vorwurf mangelnder Transparenz treten die russischen Streitkräfte mit einer Veranstaltung entgegen, die neue Fragen aufwirft.

          Der Countdown läuft. Knapp zwei Wochen sind es noch, dann wollen die Vereinigten Staaten den Vertrag über die Beseitigung nuklearer Mittelstreckensysteme (INF) mit Russland kündigen. Der Stichtag ist der 2. Februar. Beide Seiten werfen sich seit langem vor, den Vertrag zu verletzen. Doch nun, so scheint es, kommt Bewegung in den INF-Poker.

          Am Mittwoch hatte das russische Verteidigungsministerium nach Kubinka geladen. Rund 250 Journalisten und eine unbekannte Zahl ausländischer Militärattachés nahmen an der Präsentation im „Patriot Park Congress and Exhibition Center“, südwestlich von Moskau, teil. Das Ziel der Veranstaltung war klar: Den Vorwurf zu entkräften, Hinweise über das Raketensystem des Typs 9M729 zu verschleiern und mit ihm den INF-Vertrag zu verletzen.

          Tatsächlich lässt sich anhand der vom russischen Verteidigungsministerium online zur Verfügung gestellten Dokumentation des Ereignisses und Berichten ausländischer Journalisten von vor Ort erkennen, dass die Streitkräfte des Landes einiges taten, um ihre Gäste und die Weltöffentlichkeit zu beeindrucken. So war es der Befehlshaber der russischen Raketenstreitkräfte, Generalleutnant Michail Matwejewski, selbst, der das Briefing der Gäste übernahm und beteuerte, dass der landgestützte Marschflugkörper des Typs 9M729 maximal 480 Kilometer weit fliegen könne. Das wären zehn Kilometer weniger als bei seinem Vorgängermodell und zwanzig Kilometer unterhalb der Maximalgrenze des 1987 verabschiedeten INF-Vertrags.

          Die Gäste bekamen eine Präsentation zu sehen, die in Teilen im Internet veröffentlicht wurde, in der grobe Zeichnungen und Skizzen des Marschflugkörpers zu sehen waren. Zudem konnten die Gäste sich in einer Halle ein Startgerät und einen olivfarbenen Raketencontainer mit der Aufschrift „9M729“ anschauen. So viel Offenheit in Sachen des Marschflugkörpers, dessen Existenz von russischer Seite lange bestritten worden war und bei der Nato unter der Bezeichnung SSC-8 firmiert, war selten.

          Sie passt zur Kommunikationsoffensive, die von russischer Seite spätestens Mitte Januar eingeläutet wurde. Da hatte Russlands Außenminister Sergej Lawrow sich noch einmal zur Rettung des INF-Vertrags bereiterklärt, nachdem Gespräche darüber mit den Amerikanern gescheitert waren.

          Zu der Veranstaltung am Mittwoch hatte die russische Seite laut Informationen aus diplomatischen Kreisen in Moskau zahlreiche Einladungen an die Militärattachés von Staaten verschickt, die Mitglied in der Nato oder der EU sind. Doch sie blieben fast alle fern, dem Vernehmen nach aufgrund der Annahme, dort nichts Neues erfahren zu können.

          Der Befehlshaber der russischen Raketenstreitkräfte, Generalleutnant Michail Matwejewski am Mittwoch bei der Präsentation

          Nichts Neues, diese Auffassung wird von westlichen Fachleuten mit Blick auf die Veranstaltung verteilt. Der Tenor lautet: Viel Lärm um nichts. Russland habe vieles unternommen, um die Gäste zu beeindrucken. Aber Transparenz sähe anders aus. Der Hauptvorwurf lautet, dass die russischen Streitkräfte alles gezeigt hätten – nur eben nicht den Marschflugkörper selbst. Ohne diesen selbst zu sehen, ließen sich keinerlei Schlüsse über die Reichweite treffen, sagt Oliver Thränert von der ETH Zürich dieser Redaktion. Noch besser wäre es gewesen, auch ihren Start vorzuführen, sie also in Aktion zu sehen. Ein Abschussbehälter mitsamt des Startgeräts und ein paar Folien und Beteuerungen hingegen lasse keinerlei Schlüsse zu. „Die Vorführung hat überhaupt nicht für mehr Transparenz gesorgt“, so der Fachmann für Nuklearwaffen und Raketenabwehr.

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