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Indonesien : Islamische Toleranz neben islamistischem Terror

  • -Aktualisiert am

Antiamerikanische Proteste radikaler indonesischer Muslime Bild: AP

Radikale Gruppen mit ihrer Forderung nach einem islamischen Staat bilden eine Minderheit unter den 210 Millionen Muslimen in Indonesien - Analyse.

          3 Min.

          Hinter dem Bombenanschlag auf die australische Botschaft in Jakarta, bei der mindestens acht Menschen getötet wurden, wird die radikalislamische Jemaah Islamiah (JI) vermutet. Das erhöht den Druck auf die indonesische Regierung, gegen extremistische islamische Gruppen vorzugehen.

          Bis zum Attentat in Bali, bei dem im Oktober 2002 über 202 Menschen starben, hatte die Regierung Vorwürfe aus Nachbarländern wie Malaysia und Singapur, gesuchte islamische Radikale könnten in Indonesien unbehelligt agieren, stets bestritten. Danach mußten auch indonesische Regierungsmitglieder einräumen, daß in Indonesien ein terroristisches Problem existiere. Ob es sich dabei nur um lokale Radikale oder tatsächlich um Mitglieder des Terrornetzes Al Qaida handelt, ist unklar.

          Experten warnen jedoch davor, unter dem Eindruck der Ereignisse Indonesien als Hort islamischen Terrors zu brandmarken. Radikale islamische Organisationen hätten in Indonesien zwar eine lange Tradition, repräsentierten aber nur eine kleine Minderheit der dortigen 210 Millionen Muslime. Der indonesische Islam sei alles andere als homogen. Seit er vor rund 700 Jahren von Kaufleuten in das Inselreich gebracht wurde, vermischte er sich mit vorislamischen Traditionen und einheimischen Bräuchen.

          Säkulares Staatskonzept

          Der Einfluß des orthodoxen Islams nahöstlicher Prägung verstärkte sich erst nach der Unabhängigkeit des Landes. Viele Indonesier stehen dieser politisierten Form des Islam allerdings mißtraurisch gegenüber und unterstützen zusammen mit der Christen- und Hindu-Minderheit nationalistische politische Kräfte, die gegen eine Gleichsetzung des Staates mit dem Islam sind. So entschied sich die überwältigende Mehrheit bei den ersten freien Wahlen 1999 für säkulare Parteien. Indonesien fußt, anders als zum Beispiel Pakistan, nicht auf dem Islam, sondern auf säkularen Ideen. „Einheit in Vielfalt“ lautete der Grundsatz der Staatsgründer.

          Grundsätzlich lassen sich die moderaten indonesischen Muslime in „Traditionalisten“ und „Modernisten“ unterteilen. Während die „Traditionalisten“ eher auf die indonesischen Elemente Wert legen, bestehen die „Modernisten“ darauf, dass der Koran und das Beispiel des Propheten die einzige Basis des Islam sein dürften. Die „Modernisten“ entsprechen also eher dem, was im Westen unter Fundamentalisten verstanden wird, obwohl ihr Name eher eine fortschrittliche Richtung suggeriert. Vertreten werden die Traditionalisten von der Nahdatul Ulama (NU), die viele Jahre von dem früheren Präsidenten Wahid geleitet wurde. Die Modernisten sammeln sich in der Muhammadiyah unter Führung von Amien Rais, der ebenfalls schon Regierungsverantwortung inne hatte.

          Islamische Splittergruppen uneins

          Neben diesen großen, Millionen Mitglieder zählenden Organisationen der Mitte gibt es eine Vielzahl kleinerer Gruppierungen, die für Gewalttaten verantwortlich gemacht werden. Gemeinsam ist ihnen die Forderung nach einem wie auch immer gearteten islamischen Staat und der Anwendung der Scharia. Diese Splittergruppen sind oft nur lokal vertreten und untereinander uneins. Ihre Chancen, jemals an die Regierung kommen, sind gleich Null. Allerdings sorgen sie in Teilen des Landes für Unruhe und im Ausland für Aufsehen.

          So war die Mitte 2000 gegründete Laskar Jihad zu internationaler Bekanntheit gelangt, als sie Kämpfer auf die Molukken-Inseln schickte, um die Muslime bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den dort lebenden Christen zu unterstützen. Tausende Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben. Angeblich hat sich die Gruppe mittlerweile aufgelöst und ihr Hauptquartier in Yogyakarta auf Java geschlossen. Beziehungen zur Al Qaida hatte Lashkar Jihad stets bestritten. Ihr Anführer Jafar Umar Thalib räumte zwar ein Treffen mit Bin Laden ein, sagte aber, es habe Meinungsverschiedenheiten über religiöse Fragen zwischen ihnen gegeben.

          Radikale in Minderheit

          In der Suharto-Ära von 1966 bis 1998 wurden alle islamischen Gruppen unterdrückt und verfolgt, viele ihrer Führer wurden inhaftiert oder flohen ins Ausland. Erst gegen Ende seiner Herrschaft, als Suharto seine Macht in Gefahr sah, ging er aus taktischen Gründen auf die Forderungen muslimischer Gruppen ein und förderte den Islam.

          Im chaotischen Übergang zur Demokratie nutzten dann radikale islamische Kräfte das entstandenen Chaos und nahmen in manchen Teilen des Landes das Recht in ihre Hände. Sittenwächter patroullierten in den Straßen und überfielen Schnapsläden, Bordelle und Spielhallen, zerstörten die Einrichtung und verprügelten die Kunden. Die indonesische Polizei ließ sie gewähren, mit der Begründung, man wolle die religiösen Gefühle der Bevölkerung nicht verletzen.

          Anti-amerikanische Stimmung

          Der radikale Islam ist in Indonesien nach Meinung von Experten in der Minderheit, auch wenn es ihm immer wieder gelingt, mit spezifisch islamischen Themen die Massen zu mobilisieren. Die amerikanische Bombardierung Afghanistans oder der Krieg gegen den Irak gaben den Radikalen die Gelegenheit, sich in der Öffentlichkeit zu profilieren, indem sie die anti-amerikanischen Gefühle des Großteils der Bevölkerung ausdrückten.

          Internationale Beobachter raten, mit der Bezeichnung „Terrorist“ vorsichtig zu sein, da damit bislang unbekannte, lokale Führer zu Helden gemacht würden. Auch die Popularität von Abu Bakar Baasyir und seiner Jemaah Islamiah stieg ganz ungemein, seit er zum Kopf eines terroristischen Netzwerkes erklärt wurde.

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