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Indien : Ayodhya - Brennpunkt des Hindu-Moslem-Konflikts

  • -Aktualisiert am

Hindu-Fundamentalisten demonstrieren in Ayodhya Bild: AP

In Nordindien hält der Konflikt zwischen Hindus und Moslems um einen geplanten Tempelbau in Ayodhya an. Er ist „brand-aktuell“ und doch Jahrhunderte alt.

          Eine zerstörte Moschee, ein geplanter Hindu-Tempel, Tausende von Toten, religiöser Unfrieden, der sich nicht nur im traditionell unruhigen Norden abspielt, sondern sogar in den Süden des Subkontinents ausstrahlt - all diese Beschreibungen von Konflikten, Mord und Totschlag brechen sich in dem Namen der Stadt Ayodhya, im Bundesstaat UttarPradesh. Und das nicht erst seit der Zerstörung der Moschee Ende 1992. Seit Jahrhunderten ist der Ort Brennpunkt des alten Konflikts zwischen den Hindus und den Nachfahren der muslimischen Eroberer.

          Wenn auch die geschichtlichen Daten nicht restlos gesichert sind, so wurde doch offensichtlich 1528, unter dem Oberbefehl des ersten Mogul-Kaisers Babur, in Ayodhya in indischen Bundesstaat Uttar Pradesh ein Hindutempel niedergerissen. Angeblich markierte er den Geburtsort des Gottes Rama. An seiner Stelle ließ ein General zu Ehren Baburs eine Moschee errichten (daher der Name Babri-Masdschid = Baburs Moschee).

          Die Briten entfachten den Konflikt zwischen Hindus und Muslimen

          Unter der britischen Herrschaft, die nach dem Grundsatz „divide et impera“ Hindus und Moslems gegeneinander ausspielte, begannen schon ab den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten gewaltsamem Auseinandersetzungen um die Moschee, die immer wieder über Jahre geschlossen werden musste.

          Angst vor den Gewalttätern in einer muslimischen Madrasa

          In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1949 tauchten durch ein "Wunder" Statuen von Rama und Sita im Inneren des Tempels auf. Um weiteren Konflikten vorzubeugen kaufte die Regionalregierung 1950 die Moschee und schloss sie.

          Auch Indira Gandhi setzte auf die „religiöse Karte“

          Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, war das Gotteshaus immer wieder der Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen. Allgemein nahmen in dieser Zeit die blutigen Ausschreitungen zwischen den beiden Religionsgemeinschaften von Jahr zu Jahr zu. In den meisten Fällen wurden sie von Politikern in Zeiten des Wahlkampfes bewusst geschürt - nicht zuletzt von Premierministerin Indira Gandhi.

          Um die wachsende rechtsradikale Hindufront zu besänftigen, ließ Premierminister Rajiv Gandhi Anfang Februar 1986 die Tore der Moschee öffnen, sodass die Hindus das Terrain fortan betreten konnten.

          200.000 Ziegel für den geplanten Tempel

          Die VHP (Vishwa Hindu Parishad, der „Welt-Hindu-Rat“, eine Organisation, die 1964 gegründet worden war, um der religiösen Rechten mehr Zulauf zu verschaffen) erließ 1991 einen Aufruf: Jedes indische Dorf solle einen geweihten Ziegelstein zur Errichtung des Tempels nach Ayodhya schicken. Rund 200.000 Dörfer nahmen an der Aktion teil. Im November des selben Jahres wurde in einer illegalen Zeremonie der Grundstein für den Tempel gelegt.

          Am 25. September 1990 startete der Präsident der heutigen Regierungspartei, der hindu-nationalistischen BJP, der jetzige Innenminister und Hindu-Extremist Lal Krishna Advani, eine Reise durch Nordindien. Sie diente Agitationszwecken und führte auf einem geheiligten Wagen („Rath Yatra“), durch Gujarat und Bihar nach Uttar Pradesh in Richtung Ayodhya. Hier machen die muslimischen Gemeinschaften in vielen Städten bis zu einem Drittel, in manchen gar die Hälfte aller Einwohner aus. Die „Rath Yatra“-Tournee hinterließ in den drei Nord-Staaten eine Spur der Verwüstung und des Mordens.

          Hindus gezielt aufgehetzt

          Wo immer die Prozession vorbeikam und Advani die Hindus zum Hass gegen Muslime aufhetzte, tauchten einen Tag später Provokateure der Hindu-Organisationen auf und zettelten Pogrome gegen Muslime an. Das gleiche Muster war auch bei den jüngsten Ausschreitungen in Gujarat zu beobachten. Auch damals sahen die mehrheitlich hinduistischen Ordnungskräfte in der Regel absichtlich weg oder standen den Mördern tatkräftig zur Seite.

          1991 kaufte die BJP das Gelände von der Regionalregierung, die ebenfalls von einem Vertreter der BJP geführt wurde. Im Dezember 1992 brach dann das Inferno los: Rund 300.000 radikale Hindus pilgerten nach Ayodhya und zerstörten nach tagelangen Demonstrationen die alte Moschee. Anschließend zogen Kader faschistischer Hindu-Gruppen durch Nordindien und starteten Pogrome, denen nach Angaben indischer Journalisten allein in Bombay bis zu 2000 Muslime zum Opfer fielen.

          „Sangh-Bruderschaft“ im Blutrausch

          Das Gelände wurde daraufhin wieder geschlossen, aber radikalen Sadhus und Mitglieder der sogenannten „Sangh-Bruderschaft“ - ein Sammelbecken von Indo-Faschisten unter Leitung des Hindu-Rats - trieben die Kampagne weiter voran. Die BJP, die mittlerweile in Neu Delhi die Regierung stellt, versuchte nun den Konflikt, der ihr letztlich nur als Vehikel auf dem Weg zur Macht gedient hatte, klein zu halten - jedoch ohne Erfolg.

          Einer der Züge, die regelmäßig zu Demonstrationen nach Ayodhya rollen, wurde Mitte Februar von muslimischen Fanatikern in Brand gesteckt - bis zu 50 Menschen kamen in dem Feuer um. Die Folge waren tagelange Ausschreitungen, denen bis zu 700 Menschen, vor allem Muslime, zum Opfer fielen.

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