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Überläufer in der Ukraine : Fähnchen wechsel dich

Verunsichert: Ukrainische Soldaten auf ihrem Schützenpanzer in Kramatorsk Bild: dpa

Die ukrainischen Truppen geben im „Antiterrorkampf“ ein jämmerliches Bild ab. Ihre Panzer werden von Separatisten erbeutet, wobei nicht ganz klar ist, welche „Ukrainer“ in Wahrheit Russen sind.

          „Fünf Minuten.“ Der Mann mit der Maske hebt die Rechte mit fünf gespreizten Fingern, dann gleitet die Geste in eine wegwerfende Bewegung. „Fünf Minuten“ – so lange habe es gedauert, bis sie sich ergeben hätten. Der Mann lehnt an einem Schützenpanzer der ukrainischen Armee mitten im Stadtpark der Industriestadt Slawjansk im ostukrainischen Gebiet Donezk. Zur Maske trägt er eine frischgebügelte Armeeuniform, haarklein die gleiche, die auch die anderen Maskierten tragen, die Männer, die sich hier als „Bürgergarde“ ausgeben, und auch an diesem Mittwoch beharrlich leugnen, Elitesoldaten der Russischen Föderation im verdeckten Einsatz zu sein.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Mann mit der Maske war nicht leicht zum Reden zu bringen. Erst schnauzte er unter dem zustimmenden Nicken seiner schwerbewaffneten Kameraden nur barsch herum, dann ergoss er einen Schwall von Vorwürfen über die angebliche Lügenpresse des Westens. Doch dann konnte er der Versuchung doch nicht widerstehen, ein wenig von den Taten dieses Tages zu erzählen – und vor allem eben von diesen fünf Minuten, sowie vom Schützenpanzer, an dem er lehnt. Dieser Panzer nämlich hatte, wenn man dem Mann mit der Maske folgt, noch am Mittwochmorgen zu einer Luftlandeeinheit der ukrainischen Armee gehört – einer jener Einheiten, die auf Anordnung des westlich orientierten ukrainischen Interimspräsidenten Oleksandr Turtschinow seit Montag in einer „antiterroristischen Operation“ das Treiben prorussischer Separatisten im ostukrainischen Industrierevier Donbass unter Kontrolle bekommen sollen. Am Vormittag aber sei eine Fahrzeugkolonne der Regierung im fernen Kiew von „Bürgern“ der Stadt Slawjansk gestoppt und blockiert worden. Man habe ihn, den Mann mit der Maske, und seine Kämpfer gerufen, man habe mit den ukrainischen Panzersoldaten verhandelt – und dann sei eben alles in „fünf Minuten“ entschieden gewesen. Die Soldaten seien teils „nach Hause“ geschickt worden, teils seien sie „auf die Seite des Volkes“ übergelaufen – also zu den separatistischen Rebellen, welche das russischsprachige Donbass mit tatkräftiger Unterstützung Russlands von der Ukraine trennen wollen. Im Internet kursierten nach diesem Coup Bilder der erbeuteten Panzerkolonne mit gehisster russischer Fahne.

          Slawjansk: Moskau-hörige Truppen auf einem ukrainischen Panzer

          Von den übergelaufenen Soldaten war keiner zu sehen, um die Erzählung des Mannes mit der Maske zu bestätigen. Insgesamt vier Schützenpanzer in den Beeten des zentralen Parks vor der Stadtverwaltung von Slawjansk schienen jedoch die Darstellung des Manns mit der Maske zu bestätigen. Das ukrainische Verteidigungsministerium sprach später von sechs erbeuteten Fahrzeugen. Die, welche im Stadtpark zu sehen waren, trugen ukrainische Beschriftung und waren wie andere ukrainische Kettenfahrzuge, die dieser Tage im Donbass zu sehen sind, verschlammt und zerkratzt. Die Bewaffneten um den Mann mit der Maske präsentierten zwar einen der angeblich 200 übergelaufenen Soldaten, um ihre Erzählung zu bestätigen; weil aber dessen nagelneue Uniform sich von den üblicherweise keineswegs gepflegten Kampfanzügen der ukrainischen Armee verdächtig abhob, und weil sein selbstbewusster, leicht aggressiver Wortschwall mit der verunsicherten Schweigsamkeit nichts gemein hatte, welche ukrainische Soldaten und Beamte dieser Tage im Donbass an den Tag legen, blieb ein Hauch von Zweifel an der Authentizität dieses „Ukrainers“.

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