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Überläufer in der Ukraine : Fähnchen wechsel dich

Während des Gesprächs sammelte sich im sonnigen Stadtpark eine kleine Menschenmenge um Panzer und Maskierte, wohl um die gepflegten Waffen der Kämpfer – Kalaschnikow-Sturmgewehre, leichte Maschinengewehre, Pistolen und Dolche – zu bewundern und vielleicht auch, um ihren Tiraden über die „verbrecherischen Befehle“ der „faschistischen Junta“ von Kiew zu lauschen, jener „Nazis“, die nur danach gierten, das Land an die „Imperialisten“ zu verkaufen und den berechtigten Widerstand des Volkes in Blut zu ersticken. Junge Frauen posierten mit vorgeschobenen Hüften vor den Panzerkanonen, und kleine Jungs ließen sich die Kalaschnikows erklären. Allerdings ist die Menge nicht groß gewesen, sie bestand eher aus Neugierigen als aus Demonstranten. Der Separatismus dieser Maskenmänner lockt im Donbass immer noch keine großen Massen auf die Straße, auch wenn er triumphiert wie am Mittwoch und mitten am Marktplatz seine Trophäen zur Schau stellt.

Geht man dem Augenschein nach ist nämlich Slawjansk, eine vom Maschinenbau geprägte Industriestadt mit 129.000 Einwohnern, die teils in sowjetischen Blocks, teils in geduckten Hütten an unbefestigten Straßen leben, an diesem Tag vollständig in der Hand der Aufständischen gewesen. An jeder Straßenkreuzung hatten Männer mit russischen Fahnen und mit der schwarz-blau-roten Trikolore der selbst ausgerufenen „Volksrepublik Donezk“ Straßensperren aus Autoreifen errichtet, welche die Bewohner mit einer Ergebenheit hinnahmen, die nicht erkennen ließ, ob sie stille Zustimmung oder Angst ausdrückte. Die Polizei war wie vom Erdboden verschluckt, das Stadtratsgebäude hatten die Aufständischen mit Sandsäcken verrammelt und offenbar zu ihrem Hauptquartier gemacht.

Die „Antiterroristische Operation“, die Präsident Turtschinow am Wochenende ausgerufen hatte, war dagegen von Slawjansk aus nur in den Wolken zu beobachten. Dort kreisten am Mittwoch ein einzelner Kampfhubschrauber sowie ein Jagdbomber des Typs Mig 25.

Wer die Soldaten der Regierung aus der Nähe sehen sollte musste ein Stückchen zur Stadt hinaus fahren, durch das benachbarte Kramatorsk hindurch und dann an niedrigen, von Gemüsegärten umgebenen Arbeiterhäuschen entlang ins Grüne. Dort fand sich an einem Bahndamm eine motorisierte Luftlandeeinheit mit 15 Schützenpanzern und einem Führungsfahrzeug, die tatsächlich nach wie vor die ukrainische Fahne zeigte.

Kleine Prozessionen

An der Feldstraße zu ihrem Sammelplatz waren schon kleine Prozessionen von Frauen, Männern und Kindern zu sehen, die offenbar unterwegs waren, auch diese Einheit zum Übertritt „auf die Seite des Volkes“ zu bewegen. An Ort und Stelle gruppierte sich die langsam wachsende Menge, unter ihnen mehrere Priester in vollem Ornat, um die ukrainischen Soldaten. Überall sah man Menschen, insgesamt vielleicht hundert oder zweihundert, mit den Soldaten diskutieren, mal lebhaft, mal leise, aber nicht aggressiv. Die Panzerbesatzungen hüllte sich meist in betretenes Schweigen – offensichtlich bedrückte sie der Gedanke, sich vielleicht gewaltsam von diesem Zugriff des „Volkes“ befreien zu müssen. „Werdet ihr wirklich auf uns schießen?“, fragten die Leute – und meist war tiefe Stille die Antwort, gefolgt von einem kleinlauten „natürlich nicht“.

Der Unterschied dieser ukrainischen Soldaten zu den geschniegelten „Nichtrussen“ von Slawjansk war mit Händen zu greifen. Die Ukrainer waren verschmutzt und unrasiert, ihre Stiefel starrten vor Schlamm. Waffen, Fahrzeuge, Helme waren zerbeult und zerkratzt, die Männer wirkten verunsichert und antworteten nur widerwillig auf Fragen.

Werden auch sie die russische Fahne hissen wie ihre Kameraden? Wieder war langes Schweigen die Antwort, und erst nach einer kleinen Ewigkeit hat einer der Männer die Hand gehoben und müde in eine ganz bestimmte Richtung gewiesen – dorthin wo an einem Führungsfahrzeug die blaugelbe ukrainische Fahne wehte. „Das ist unsere Flagge.“

Lenin-Statue vor dem Rathaus von Slowjansk, auf dem jetzt eine russische Flagge (unten) und die Flagge der Region Donezk wehen

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