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Rapper-Kriege : Auge um Auge, Song um Song

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Jenseits der Pracht hat Chicago den traurigen Spitznamen „Chiraq“: weil dort zeitweise mehr Menschen erschossen werden als im Irak. Bild: REUTERS

In Chicago tobt ein Rapper-Krieg. Die wichtigste Waffe ist das Internet: Hass-Videos und Morddrohungen verbreiten sich rasant. Und dann wird wieder jemand erschossen. Manchmal ein Kind.

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          Ein Rapper ruht niemals in Frieden. Der Tote ist noch warm, da wird er von den Feinden schon verhöhnt. Diesen Monat hat es Mario Hess, genannt Blood Money, getroffen. Er lag auf dem Bürgersteig, zwei Dutzend Patronenhülsen um ihn herum, an der 56. Straße/Ecke Elizabeth, im Süden von Chicago. Die Häuser dort haben gammelige Holzveranden, und Gangster fahren Streife. Blood Money, dreißig Jahre alt, hinterlässt fünf Kinder und einen zwei Wochen alten Plattenvertrag mit einem Spitzenlabel.

          Während die Verwandten und Nachbarn unter Tränen Fernsehinterviews gaben, stellte der Rapper Lil Jay ein kurzes Video ins Internet und setzte eine ganze Parade von Smileys daneben, die Fontänen weinen; echte Anteilnahme sieht anders aus. In dem Video sitzt Lil Jay hinten in einem Auto, das über den Highway fährt. In der Hand hält er einen Plastikbecher, gefüllt mit dem bei Rappern beliebten Mixgetränk aus codeinhaltigem Hustensirup, Sprite und Eiswürfeln. „Einen Schluck auf Blood Money“, singt er zur Musik aus dem Autoradio. Gelangweilter Blick. Schluck. Dann lässt er sein Erkennungszeichen, einen goldenen Jesuskopf an einer Halskette, vor seinem Gesicht pendeln, der Teppich aus halblangen Rastalocken schwingt mit. „Hab auch ein bisschen Kleingeld dabei“, sagt er und richtet die Handykamera auf ein dickes Bündel Hundert-Dollar-Noten. Dann noch ein Schwenk auf die Crew vorne, einer telefoniert, einer fährt. Lil Jay, um die zwanzig, ist das berühmteste Mitglied der Tooka Gang. Die führt seit Jahren eine blutige Fehde mit den Black Disciples, zu denen auch Blood Money gehörte.

          Nach der Trauerfeier twittert Chief Keef Videos

          Bei Blood Moneys Beerdigung stand sein Vater vor der Kirche, ein glatzköpfiger Schwarzer in Jackett und schwarzem Seidenhemd. Er hielt vor den Journalisten seine eigene Predigt: „Das hier ist die Welt, die wir geschaffen haben, damals in den Sechzigern“, sagt er und deutet auf den Parkplatz, wo die weißen Cadillacs der Gangster stehen. Man könne sagen, dass auch er schuldig am Tod seines Sohnes sei. „Meine Kinder sind mit alldem aufgewachsen. Sie haben ihren Daddy gesehen, den starken Mann, der ich damals war. Aber ich war in einer Gang. Ich war bei den Stones. Und mein Sohn wurde ein Disciple.“

          Als der Sarg aus der Limousine gehoben wurde, stand auch ein Cousin von Blood Money in der Menge: der Rapper Chief Keef. Die kinnlangen Rastas fielen ihm ins Gesicht, er verschränkte die tätowierten Unterarme vor der breiten Brust. Gangmitglieder kamen auf ihn zu, er umarmte sie ebenso wie die kleinen Kinder seines toten Cousins. Chief Keefs Plattenfirma, die auch Eminem, 50 Cent und andere millionenschwere Rapper unter Vertrag hat, hatte dafür gesorgt, dass ihn ein paar Sicherheitsmänner in die Kirche begleiteten. Nach der Trauerfeier verbreitete er auf Twitter Rap-Videos, die er gemeinsam mit Blood Money gedreht hat. Der sieht aus, als hätte er sich bei einer Schlägerei zwei blaue Augen geholt. Dabei ist nur sein Künstlernamen auf die Tränensäcke tätowiert: links Blood, rechts Money.

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