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Dschihadisten-Prozess in Antwerpen : Männer mit Nadeln im Arm

  • -Aktualisiert am

Der 19 Jahre alte Jejoen Bontinck ist Angeklagter, aber auch einer der Hauptbelastungszeugen im Prozess Bild: dpa

In Antwerpen beginnt ein Prozess gegen 45 mutmaßliche Dschihadisten. Sie sollen in Syrien gekämpft oder andere durch Hassbotschaften angestachelt haben. Einer der Hauptbelastungszeugen ist ein Aussteiger.

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          Niemand weiß so ganz genau, wie viele Dschihadisten aus Europa in den Kampf nach Syrien und in den Irak ziehen. Der Antiterrorkoordinator der Europäischen Union, Gilles de Kerchove, sprach dieser Tage von mehr als 3000. Davon sollen 300 bis 350 aus Belgien gekommen sein. Gegen 45 dieser mutmaßlichen Dschihadisten hat am Montag vor einem Gericht in Antwerpen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ein Prozess wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation und weiterer Straftaten begonnen. Ein weiterer Angeklagter ist der 32 Jahre alte Faoud Belkacem. Er soll selbst nicht in den Nahen Osten gereist und dort auch keine Waffen in die Hand genommen haben.

          Der auch Abu Imran genannte Belkacem, in Belgien geborener Sohn von Zuwanderern aus Marokko, ist Sprecher der fundamentalistischen Salafistengruppe „Sharia4Belgium“. Er soll entscheidenden Anteil daran haben, dass sich zahlreiche junge Männer dafür entschieden haben, für Terrororganisationen wie den „Islamischen Staat“ (IS) oder die Al-Nusra-Front zu kämpfen.

          „Durch Hassbotschaften angestachelt“

          Für Staatsanwältin Ann Franssen steht außer Frage, dass „Sharia4Belgium“ eine terroristische Gruppierung sei, die indoktriniere und Bürger aus Belgien für den Kampf in Krisengebieten anlocken wolle. Es gebe gravierende Hinweise darauf, dass die Organisation Mitglieder „durch ihre Hassbotschaften zu Gewalt angestachelt“ habe. „Viele von ihnen kämpften für die Gruppen Al Nusra und IS, sagte Franssen. Führenden Mitgliedern der Gruppe wie Belkacem drohten schon allein wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation Haftstrafen zwischen 15 und 20 Jahren.

          Zu Beginn des Prozesses sind nur sieben Angeklagten erschienen. Neun sollen inzwischen tot sein, weitere 29 dürften, so vermuten belgische Behörden, nach wie vor für islamistische Terrororganisationen kämpfen. Ein weiterer Angeklagter fehlte kurzfristig, offenbar aus gesundheitlichen Gründen. Mit Spannung wurde der Auftritt des 19 Jahre alten Jejoen Bontinck erwartet. Er war Anfang 2013 nach Syrien in den Kampf gezogen und acht Monate später enttäuscht wieder heimgekehrt. Bontinck ist Angeklagter, aber auch einer der Hauptbelastungszeugen im Prozess. Nach eigener Darstellung soll er in Syrien, da er dort nicht habe kämpfen wollen, als Spion angesehen und bedroht worden sein. Außerdem berichtete er, eine Zeit lang die Zelle mit dem von der Terrormiliz IS als Geisel festgehaltenen und im August enthaupteten amerikanischen Journalisten James Foley geteilt zu haben. Obwohl es Zweifel an der Glaubwürdigkeit mancher Aussagen Bontincks gibt, betrachtet ihn die Staatsanwaltschaft als wichtigen Zeugen im Verfahren gegen die Mitglieder von „Sharia4Belgium“. „Es erscheint so, als ob sie eine Nadel in Deinen Arm stechen und Du vollständig durch die Organisation und ihre Ideen aufgesaugt wirst“, soll Bontinck nach seiner Rückkehr nach Belgien gesagt haben. Bei seiner Ankunft im Antwerpener Gerichtssaal am Montag hüllte er sich in Schweigen.

          Das galt auch für „Sharia4Belgium“-Sprecher Belkacem. Der Prozess soll auch näheren Aufschluss geben, wie die Jugendlichen, vor allem aus Antwerpen, aber auch dem nördlichen Brüsseler Vorort Vilvoorde in den Bann der Organisation des von mehreren belgischen Zeitungen als „Guru“ bezeichneten Manns geraten konnten. Die Zeitung „La Libre Belgique“ zitierte einen 21 Jahre alten Syrienkämpfer mit den Worten, niemals sei er jemandem begegnet, der so gut erklärt habe wie Belkacem, der den Tod auf dem Schlachtfeld als höchste Form des Märtyrertums bezeichnet und ihm gesagt habe: „Das garantiert den höchsten Platz im Paradies sowie Jungfrauen: 70 oder 100, man weiß es nicht.“

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