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Im Gespräch: Erzbischof Marx : „Konkrete Lösungsvorschläge sind nicht zu erwarten“

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Erzbischof Marx: „Handschrift des Papstes in Enzyklika deutlich zu erkennen” Bild: ddp

Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, im Gespräch über die Sozialenzyklika des Papstes „Caritas in veritate“. Der Papst spricht darin von einer Humanisierung der Globalisierung und kritisiert die bestehende Entwicklungshilfe.

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          Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, im Gespräch über die Sozialenzyklika des Papstes „Caritas in veritate“. Der Papst spricht darin von einer Humanisierung der Globalisierung und kritisiert die bestehende Entwicklungshilfe.

          Herr Erzbischof, Sie waren Professor für Christliche Gesellschaftslehre und sind Nachfolger von Joseph Kardinal Ratzinger auf dem Stuhl des Erzbischofs von München. Zählen Sie zu den Verfassern der Sozialenzyklika Benedikts XVI.?

          Unter einer Enzyklika steht ein Name. Der lautet Benedikt XVI.

          Hat der Papst Sie um Rat gefragt?

          Der Papst ist der Papst. Er schreibt eine Enzyklika und ist für alles verantwortlich.

          Man kann schon der sprachlichen Gestalt des jüngsten Lehrschreibens entnehmen, dass im Unterschied zu den beiden Enzykliken nicht ein, sondern mehrere Verfasser am Werk waren. Warum trägt diese weniger als die anderen nicht die persönliche Handschrift des Papstes?

          Das würde ich so nicht sagen. Grundsätzlich soll eine Enzyklika ja nicht die Privatmeinung eines Papstes wiedergeben, sondern eine Aussage des kirchlichen Lehramtes sein. Da ist gut, dass die verschiedenen vatikanischen Kongregationen beteiligt sind und der ein oder andere Berater, der sich auf einzelnen Gebieten besonders gut auskennt. Aber es gibt viele Stellen, etwa wenn die Rede auf das Verhältnis von Glaube und Vernunft kommt, an denen die Handschrift des Papstes deutlich zu erkennen ist.

          Der Papst hat sich auf Autoren verlassen, die seitenweise Gedanken zu Papier brachten wie: „Um nicht eine gefährliche universale Macht monokratischer Art ins Leben zu rufen, muss die Steuerung der Globalisierung von subsidiärer Art sein, und zwar in mehrere Stufen und verschiedene Ebenen gegliedert, da sie die Frage nach einem globalen Gemeingut aufwirft, das zu verfolgen ist; eine solche Autorität muss aber auf subsidiäre und polyarchische Art und Weise organisiert sein, um die Freiheit nicht zu verletzen und sich konkret wirksam zu erweisen.“ Haben Sie das verstanden?

          Ja. Zumal Sie in anderen Enzykliken ähnliche Sätze finden könnten. Die Aussage ist klar: Es geht um eine Neuordnung der politischen und gesellschaftlichen Verantwortung auf der globalen Ebene als eine der großen Fragen des 21. Jahrhunderts. Wie schon Papst Johannes Paul II. in seiner Sozialenzyklika „Centesimus annus“ (1991) geht es Benedikt XVI. um eine neue Zuordnung von Staat, Markt und Gesellschaft unter den neuen Bedingungen einer umfassenden, alle privaten und öffentlichen Vollzüge durchdringenden Globalisierung. Da ist das Thema Weltautorität genauer anzuschauen. Dass der Papst in diesem Zusammenhang von Subsidiarität spricht, ist ein wichtiges Signal gegenüber denen, die von einem Weltstaat träumen, wie gegenüber denen, die jede Verantwortung gegenüber Dritten als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes ablehnen. Dass das eine komplizierte Materie ist, erleben wir schon jetzt am Beispiel des Urteils des Bundesverfassungsgerichts über den Vertrag von Lissabon.

          Themen wie diese werden seit Jahren in der politischen Philosophie und den Rechts- und Staatswissenschaften verhandelt, aber in einer anderen, auf Verständlichkeit angelegten Sprache. Vereinfacht gesagt geht es um die Spannung zwischen Souveränität und den Kompetenzen supranationaler Organisationen. Dieser allgemeinverständlichen Begrifflichkeit bedient sich die Enzyklika nicht. Steht sich das kirchliche Lehramt damit nicht selbst im Weg?

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