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Holocaust-Leugner : David Irving gibt sich geläutert

  • -Aktualisiert am

Verurteilt, Meinung geändert? David Irving Bild: REUTERS

David Irving gab sich Mühe und spielte den reumütigen Sünder. Das hindert das Wiener Gericht aber nicht daran, ihn wegen der Leugnung des Holocaust zu drei Jahren Haft zu verurteilen.

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          Selten kommt es im Wiener Straflandesgericht zu einem solchen Auflauf. Eine Stunde vor Prozeßbeginn gegen den umstrittenen britischen Historiker David Irving stehen am Montagmorgen Schaulustige davor, um einen Platz zu ergattern.

          Selbst Teams des arabischen Fernsehsenders Al Dschazira und des iranischen Fernsehens sind gekommen; nach Teheran ist Irving auf eine Holocaust-Konferenz eingeladen. Dem 67 Jahre alten Irving wird vorgeworfen, gegen Paragraph 3 des sogenannten Verbotsgesetzes verstoßen zu haben.

          Er hatte 1989 anläßlich von Vorträgen in Wien und Leoben unter anderem behauptet, die Pogrome der sogenannten Reichskristallnacht seien von als SA-Leuten verkleideten Unbekannten verübt worden. Hitler habe von der Judenvernichtung nicht nur nichts gewußt, sondern „seine Hände schützend über die Juden gehalten“.

          „Diese Meinung war falsch“

          Der Staatsanwalt befindet, er sei „alles andere als ein Historiker, er ist ein begehrlicher Geschichtsfälscher“. Irvings Bestreben sei es, eine neue Geschichte zu erzählen, er verfüge über ein Geschichtsbild, „in dem es keine Gaskammern gibt“ und das „deutliche antisemitische Züge“ aufweise. Es gehe um einen „strafbaren und gefährlichen Mißbrauch der Meinungsfreiheit“, der „nicht unter dem Aspekt der Grundrechte gerechtfertigt werden“ könne.

          Irvings Verteidiger versucht, die Aussagen seines Mandanten zu relativieren: Die Rechtslage sei in anderen Ländern zwar ähnlich, aber nicht genau so wie in Österreich. Eingesperrt werde man wegen einer „unpopulären, blödsinnigen Meinung“ allenfalls in einer Diktatur. Sein Mandant sei „kein klassischer Massendemagoge“, sondern „ein mittlerweile etwas einsam gewordener älterer, durchaus talentierter Historiker“. Zudem habe die Staatspolizei 1989 bei seinen Vorträgen keinen Grund gesehen einzuschreiten, „so gefährlich kann's also nicht gewesen sein“.

          „Ich würde es begrüßen, wenn Hochdeutsch geredet wird. Ich habe Probleme mit dem Wienerischen“, sagt Irving, der gut Deutsch spricht. Er gibt sich als geläuterter, um Faktentreue bemühter Historiker, der grundsätzlich nicht mehr an den Gaskammern und der Massenvernichtung der Juden während der NS-Zeit zweifle: „Diese Meinung war falsch. Das habe ich in Etappen festgestellt über die letzten Jahre.“

          Lippenbekenntnis aus prozesstaktischen Gründen

          Er bedaure, daß er „die sehr starke Formulierung vom Gaskammer-Märchen verwendet“ habe, die seinen damaligen, jetzt überholten Wissensstand wiedergebe. Von der Formulierung, wonach „Auschwitz ein Disneyland für Touristen“ sei, rückt er indes nicht ab: „Das entspricht leider den Tatsachen“; man habe nach dem Krieg „etwas nachgebaut“. Er leugne den Holocaust nicht, „ich zweifle nur Einzelheiten an“. Die Nazis hätten Millionen von Juden ermordet, daran sei nicht zu zweifeln.

          Schließlich legt er dar, weshalb er seine Ansichten zu den Gaskammern geändert habe. Er führte persönliche Aufzeichnungen Adolf Eichmanns an, die man ihm in Südafrika zugesteckt habe: „Eichmann schreibt, wie er eine Anlage besichtigt hat; das war für mich der erste Beweis, daß es Gaskammern gegeben hat.“

          Und im britischen Staatsarchiv habe er zufällig die Aufzeichnungen des stellvertretenden Lagerkommandanten von Auschwitz entdeckt: „Auch der beschreibt in sehr überzeugender Form die Vernichtung“, so Irving.

          Drei Jahre Gefängnis

          Im Schlußplädoyer nennt der Staatsanwalt das „Geständnis“ des Angeklagten „ein Lippenbekenntnis aus prozeßtaktischen Gründen“, Irving habe sich „als reumütiger Sünder in Szene gesetzt“. Der Ankläger beantragt einen Schuldspruch nach dem Verbotsgesetz sowie eine „gewichtige Strafe“ - die Irving mit drei Jahren Gefängnis dann auch erhielt.

          Daß er von der österreichischen Justiz nach wie vor aufgrund eines Haftbefehls aus dem Jahre 1989 gesucht wird, war ihm nach seinen Worten nicht bewußt gewesen, als er einer Vortragseinladung im November 2005 folgte.

          Seit der damaligen Festnahme sitzt Irving in Wien in Untersuchungshaft, wo er nach eigenen Angaben an einer Biographie über Winston Churchill und an einem Werk über Heinrich Himmler arbeitet sowie damit begonnen hat, seine Memoiren zu schreiben.

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