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Lapid besucht Gedenkstätte : „Ruhe in Frieden, Großvater“

Yair Lapid (vierter von links) am Donnerstag in Mauthausen Bild: AFP

Der israelische Außenminister erinnert zusammen mit dem österreichischen Bundeskanzler an die Opfer des Nationalsozialismus. Zu Mauthausen hat er einen ganz persönlichen Bezug.

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          Ein kalter Wind zerrt an den weiß-blauen und rot-weiß-roten Schleifen der Kränze, die am Gedenkstein des einstigen Konzentrationslagers Mauthausen niedergelegt wurden. Er weht dem Ehrengast Jair Lapid die Kippa vom Haupt. Doch stört der Wind nicht die Würde und Innigkeit des Moments, er gibt eher eine entfernte Ahnung von der Menschenfeindlichkeit dieses Orts. Lapid, Außenminister Israels, ist am Donnerstag zum Gedenktag hierher gekommen, weil er einen ganz persönlichen Bezug zu Mauthausen hat.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Der Vater seines Vaters ist in einem der Außenlager 1944 zu Tode geschunden worden, wie genau, lässt sich nur ahnen. Die penibel-verlogene SS-Bürokratie hat wenige Wochen vor Kriegsende zwischen unzähligen gleichartigen Einträgen vermerkt: „Lampel, Bela, Rechtsanwalt, geb. 5.8.98 zu Csurog, verst. 5.4.45 um 9.35 Uhr an ac. Herzschwäche.“

          Das KZ Mauthausen war nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich und dem „Anschluss“ errichtet worden. Im dortigen Granitsteinbruch sollten Materialien für Nazibauten wie in Nürnberg oder Linz gewonnen und zugleich Menschen, die das Regime als seine Feinde ansah, bewusst geschunden und getötet werden. Während des Kriegs kamen in ganz Österreich Außenstellen als Zwangsarbeitslager vor allem für die Rüstungsindustrie hinzu, für die Mauthausen der SS als Verwaltungssitz und Verteilungslager diente. Bis zur Befreiung durch die US Army wurden etwa 190.000 Menschen dorthin deportiert, mindestens die Hälfte von ihnen wurde getötet. Die sowjetische Besatzungsmacht übergab das Gelände 1947 der wiedererrichteten Republik mit der Auflage, dort eine Gedenkstätte zu errichten.

          Verpflichtung, jüdisches Leben zu schützen

          Der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer, der zusammen mit dem Außen- und Innenminister den israelischen Gast nach Mauthausen begleitete, sagte, er entschuldige sich im Namen der Republik Österreich für die hier begangenen Verbrechen – und persönlich bei Lapid für den Mord an dessen Großvater. Er versprach, dass alles dafür getan werde, um Antisemitismus und die Feinde der Demokratie zu bekämpfen. Und er nehme die Verpflichtung an, jüdisches Leben im Land zu schützen und zu fördern.

          Lapid bezog sich sehr persönlich auf seine Familiengeschichte. In der Nacht im März 1944, in der sein Großvater in seiner ungarischen Kleinstadt von einem blonden SS-Soldaten abgeholt wurde, sei sein Vater vom Kind zum Erwachsenen geworden. Die Nazis hätten alles dafür getan, um aus Menschen Nummern zu machen. So auch mit Béla Lampel, einem beleibten und gemütlichen Mann, liebenden Gatten und Vater, der nach Auschwitz und dann von KZ zu KZ verschleppt wurde.

          Selbst als der Krieg schon offensichtlich verloren war und die Deutschen eigentlich jeden Mann und jedes Gewehr gebraucht hätten, hätten sie ihre Mühen darauf verwendet, Juden zu töten. Aber das sei nicht das letzte Wort geblieben, sein Großvater habe noch nach dem Tod etwas vollbracht: „Er schickte mich heute hierher, um zu sagen, dass die Juden sich nicht ergeben haben.“ Die Nazis hätten sich vorgestellt, dass sie die Zukunft seien und die Juden vielleicht etwas für das Museum. Stattdessen hätten die Juden einen starken, stolzen und freien Staat errichtet, und Mauthausen sei ein Museum. „Ruhe in Frieden, Großvater. Du hast gewonnen.“

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