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Konzentrationslager Auschwitz : Die Summe völkischen Denkens

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Tor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ Bild: dpa

Bundespräsident Steinmeier besucht das vor 75 Jahren befreite Konzentrationslager Auschwitz und mahnt: „Wir wissen, was geschehen ist, und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann.“ Überlebende begleiten ihn.

          5 Min.

          Es ist ein sonniger Tag, als Frank-Walter Steinmeier in Auschwitz ankommt. Der Bundespräsident ist nach Polen gereist, um an der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers durch sowjetische Truppen teilzunehmen. Fünfzig Delegationen aus aller Welt und 17 Staatsoberhäupter sind gekommen. Als die sowjetische Armee die Lager am frühen Nachmittag des 27. Januar 1945 Auschwitz erreichte, fanden die Soldaten 7000 kranke Häftlinge vor, welche die Nationalsozialisten zurückgelassen hatten: 1200 im Stammlager und 5800 im Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Steinmeier ist zum ersten Mal in Auschwitz – als deutsches Staatsoberhaupt, aber auch als Person. Der Bundespräsident will deshalb neben der offiziellen Gedenkfeier einen zusätzlichen eigenen Eindruck von dem Schreckensort bekommen, an dem etwa 1,1 Millionen Menschen, unter ihnen etwa eine Million Juden, von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Fahrt geht deshalb vom Flughafen Johannes Paul II. in Krakau zum sogenannten Stammlager Auschwitz I, einer früheren polnischen Kaserne, aus der die SS das Konzentrationslager machte. Es war im Mai 1940 in Betrieb genommen worden. Steinmeier, begleitet von seiner Ehefrau Elke Büdenbender, macht einen Rundgang.

          Im Block 4, in dem eine Übersicht über das frühere KZ gegeben wird, schaut er sich ein Modell des Krematoriums an, in dem Ende 1941 Häftlinge mit Zyklon B vergast worden waren. Ein Berg leerer Blechbüchsen, in denen das Gift transportiert wurde, ist ebenso zu sehen wie ein großer Berg an Haaren, die den Opfern abgeschnitten wurden – rund 2,2 Tonnen Haare waren nach der Befreiung gefunden worden. Der Mord mit Zyklon B war zuerst im Herbst 1941 im Block 11 des Lagers in Zellen im Keller an selektierten Kranken und sowjetischen Offiziere und Politkommissaren getestet worden.

          Zwischen den Blöcken 10 und 11 befindet sich die Schwarze Wand, an der SS-Männer Häftlinge durch Schüsse in den Hinterkopf getötet hatten. Der Bundespräsident legt hier einen Kranz aus weißen, gelben und roten Rosen nieder. Steinmeier verharrt lange im Gedenken, dann verbeugt er sich. In einer Nebenbaracke trägt er sich in das Gedenkbuch ein. „Auschwitz ist ein Ort des Grauens und deutscher Schuld“, schreibt der Bundespräsident. Er verneige sich in Trauer vor den Opfern. „Wir wissen, was geschehen ist, und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann.“

          „Anitsemitismus und Raserei“

          Steinmeier geht dann zum früheren Krematorium des Lagers, einem von der SS umgebauten ehemaligen Munitionslager. Hier waren schon früh Räume zu einer Gaskammer umfunktioniert worden – Einschüttlöcher wurden dafür in die Decke geschlagen. Im Dezember 1941 wurden hier Häftlinge, meist sowjetische Kriegsgefangene, mit Zyklon B umgebracht. Später wurden jüdische Zwangsarbeiter, die als arbeitsunfähig galten, auf dieselbe Art getötet. Diese einzige Gaskammer im Lager Auschwitz I wurde bis zum Mai 1942 benutzt. Der eigentliche Massenmord an Juden in Gaskammern begann etwa zur gleichen Zeit im Lager Auschwitz II oder Auschwitz-Birkenau.

          Der Bundespräsident äußert sich nach dem Besuch des Krematoriums noch einmal. „Auschwitz ist die Summe des völkischen Denkens, von Anitsemitismus und Raserei“, sagt Steinmeier. Es sei ein Ort, an dem Deutsche die Last der Geschichte spürten, der aber auch Mahnung sei. Die Zeiten änderten sich, auch die Taten und Worte. „Doch haben wir oft den Eindruck, dass das Böse noch das Gleiche ist.“ Auschwitz bedeute auch die Verantwortung, den Anfängen zu wehren, „auch in unserem Land“.

          Begleitet wird Steinmeier von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, und von Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Dabei sind aber auch drei Überlebende des Holocaust, mit denen sich Steinmeier schon am Morgen im Präsidialamt getroffen hatte. Einer davon ist der 89 Jahre alte Peter Johann Gardosch. Er war 1944 mit 13 Jahren aus Neumarkt im damals ungarischen nördlichen Teil Siebenbürgens nach Auschwitz verschleppt worden. Seine Mutter, seine Großmutter und seine kleine Schwester wurden sofort umgebracht; er selbst gab sich als 17 aus und wurde zusammen mit seinem Vater und weiteren Männern zum Arbeitseinsatz eingeteilt. Es sei eine Ehre, mit dem Bundespräsidenten nach Auschwitz zu reisen, sagt Gardosch. Aber für ihn sei es eine Reise an das Grab seiner Familie. Schon in den fünfziger Jahren war Gardosch einmal in Auschwitz, er war damals Korrespondent in Polen. Es habe ihn sehr erschüttert, sagt er.

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