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Holocaust-Gedenken : Eine Vergangenheit, die alle angeht

Kranzniederlegungszeremonie am Berliner Holocaustdenkmal (v.l.n.r.): Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Knesset-Parlamentspräsident Mickey Levy, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow Bild: AFP

In einer Gedenkstunde wendet sich die Bundestagspräsidentin dagegen, aus falsch verstandener Toleranz nachgiebig gegen Antisemitismus zu sein. Die Holocaust-Überlebende Auerbacher wünscht sich die „Versöhnung aller Menschen“.

          3 Min.

          Im Bundestag hat in einer Gedenkstunde die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher gesprochen und besonders an die anderthalb Millionen Kinder erinnert, die in der Zeit des Nationalsozialismus in deutschen Vernichtungslagern umgebracht und bei Massentötungen erschossen wurden, unter den Qualen der Ghettos und Konzentrationslager ums Leben kamen. Auerbacher, die aus dem Badischen stammt und im Alter von sieben Jahren mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert wurde, berichtete den Abgeordneten am Donnerstag eindringlich von ihrem Leidensweg und dem Schicksal, das viele ihrer Familienmitglieder mit sechs Millionen ermordeten Juden teilten.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Bundestagspräsidentin Bärbel Bas sagte, der 27. Januar, deutscher Erinnerungstag an die Opfer des Nationalsozialismus und internationaler Gedenktag an die Opfer des Holocaust, sei ein Tag der Scham für das, „was frühere Generationen in Deutschland getan haben”. Man gedenke an diesem Tag „der ermordeten Jüdinnen und Juden, der Toten der Sinti und Roma, der Opfer der slawischen Völker“, sagte die SPD-Politikerin. „Wir gedenken der Millionen Menschen, die verfolgt, beraubt, gedemütigt, entrechtet, gequält, dem Tode preisgegeben wurden. Weil sie anders dachten, anders glaubten, anders liebten oder weil ihr Leben den Nationalsozialisten als ‚unwert‘ galt.“

          Bas erinnerte in ihrer Ansprache an die Wannseekonferenz, auf der vor 80 Jahren hohe Beamte aus Ministerien gemeinsam mit Bürokraten der deutschen Terrorbehörden und Vollstreckern des Massenmordens die „Endlösung der Judenfrage“ erörtert hatten. Sie und viele andere Täter seien davongekommen: „Viel zu wenige mussten sich vor Gericht verantworten. Viel zu viele sind mit Strafen davongekommen, die einer Verhöhnung der Opfer gleichkamen. Auch Teilnehmer der Wannseekonferenz.“ Deutschland trage „eine besondere Verantwortung: Der Völkermord an den Juden Europas ist ein deutsches Verbrechen. Aber er ist zugleich eine Vergangenheit, die alle angeht.“

          „Antisemitismus ist nicht hinnehmbar“

          Die Bundestagspräsidentin fügte hinzu: „Wir mahnen und bekunden unmissverständlich: Antisemitismus ist nicht hinnehmbar. Punkt. Egal, wie er sich äußert. Egal, wo er herkommt. Nie wieder sollen sich antijüdische Stereotype und Vorurteile breit machen können. Nie wieder sollen Jüdinnen und Juden herhalten müssen für die Übel der Welt. Nie wieder soll Antisemitismus den Boden bereiten für Ausgrenzung, Hass, Vernichtungswahn.“ Der Antisemitismus, so Bas, sei da, er sei ein Problem der Gesellschaft, und man müsse sich fragen: „Wie frei sind wir wirklich von antijüdischen Klischees? Gelingt es uns immer, Jüdinnen und Juden nicht für die israelische Politik in Haftung zu nehmen? Sind wir aus falsch verstandener Toleranz zu nachgiebig gegenüber einem Antisemitismus, den manche Zugewanderte aus ihrer alten Heimat mitgebracht haben?“

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Holocaustüberlebende Inge Auerbacher am Donnerstag im Bundestag während der Gedenkzeremonie
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Holocaustüberlebende Inge Auerbacher am Donnerstag im Bundestag während der Gedenkzeremonie : Bild: AFP

          Die Mehrheit in diesem Land habe „dafür nichts übrig“, sagte Bas. „Sie lässt sich nicht zum Hass verführen. Sie wählt und streitet demokratisch. Und das gerne leidenschaftlich, manchmal erbittert. Gegenüber den anderen brauchen wir mehr ‚Mut zur Intoleranz‘. Den entschlossenen Einsatz aller Mittel, die die wehrhafte Demokratie kennt.“ Wenn Rechtsextremisten, Geschichtsrevisionisten und Völkisch-Nationale Wahlerfolge feierten, dann sei es „höchste Zeit zusammenzustehen, um die Werte und Institutionen unserer freien, demokratischen Gesellschaft zu beschützen“.

          Aufgeführt wurde im Plenarsaal ein Streichtrio des Prager Komponisten Hans Krása, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Nach Bas sprach Inge Auerbacher. Sie schilderte ihre Kindheit, den Weg ins Konzentrationslager und das lange Leiden an der Lungentuberkulose, die sie von dort mitbrachte und die sie nach dem Krieg für Jahre an Krankenbetten fesselte. 20 ihrer Familienmitglieder seien ermordet worden, vier Jahre habe sie den Judenstern tragen müssen, drei Jahre sei sie im Konzentrationslager gewesen, vier Jahre danach im Krankenbett. „Ich durfte nie ein Brautkleid tragen, ich werde nie Mama oder Oma werden, aber ich bin glücklich und die Kinder der Welt sind meine.“ Sie bat: „Wir sind alle als Brüder und Schwestern geboren. Mein innigster Wunsch ist die Versöhnung aller Menschen. Entzündet eine Kerze für die ermordeten, anzündet eine Kerze für die Lebenden. Wir sind alle als Kinder Gottes geboren. Die Vergangenheit darf nie vergessen werden. Lasst uns gemeinsam einen neuen Morgen sehen.“

          Die Fragilität der Demokratie

          Mickey Levy, Präsident der israelischen Knesset, erinnerte an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945. Das Reichstagsgebäude sei ein Ort, an dem man erinnert werde, wie fragil die Demokratie sei. Das Andenken an den Holocaust sei eine Aufgabe, die auf den Schultern jeder Generation liege. Oft gehe es dabei um große Zahlen, unfassbare Statistiken. Wie lasse sich eine Zahl von sechs Millionen Ermordeten überhaupt vermitteln. Schon die Zahl reduziere „die Menschlichkeit jedes Einzelnen, die alle eine Lebensgeschichte gehabt hätten“.

          Levy dankte Inge Auerbacher dafür, dass sie „das Unfassbare zu greifbarer Erinnerung werden lasse”. Die Entscheidungen seien vor 80 Jahren und sieben Tagen in einer Villa am Wannsee gefasst worden. Er sei fassungslos gewesen, als er am Tag vor seiner Rede die Villa mit ihren Blumenbeeten und dem glitzernden See aufgesucht habe. „80 Jahre und sieben Tage reichen nicht, um alle Wunden zu heilen. Die Erinnerungsarbeit verbindet unsere beiden Völker.“

          Es sei den beiden Nationen gelungen, sich aus dem nationalsozialistischen Trauma zu erheben und etwas Neues aufzubauen, sagte Levy: „Zwei Nationen, die eine ausgewöhnliche Reise zurückgelegt haben auf dem Weg zur Versöhnung.“ Levy dankte der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Freundschaft und Solidarität mit Israel und sagte an Bundeskanzler Olaf Scholz gewandt: „Der Staat Israel verlässt sich auf Sie.“ Unter Tränen verlas Levy zum Ende seiner Worte ein Gebet für die Ermordeten.

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