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Holocaust : Ein Wort für das Namenlose

Rückblick: Auschwitz in Bildern Bild:

„Auschwitz“ gilt als konkretes Symbol des Massenmordes vor allem an Juden, aber auch anderen Minderheiten. Im Deutschen hat sich für die industriemäßige Judenvernichtung erst in den siebziger Jahren der Begriff „Holocaust“ durchgesetzt.

          Der 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 offiziell der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, er wird an diesem Donnerstag zum zehnten Mal begangen. Da die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Streitkräfte am 27. Januar 1945 nun sechzig Jahre zurück liegt, gibt es in diesem Jahr zahlreiche offizielle Akte im Gedenken an die industriemäßige Vernichtung insbesondere der Juden, bis hin zur ersten Vollversammlung der Vereinten Nationen aus diesem historischen Anlaß.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zu den Ereignissen dieser Woche gehört auch, daß es der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag gelang, einen Skandal anzuzetteln, indem sie sich einerseits dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus verweigerte und andererseits den Begriff eines „Bomben-Holocaust“ aufbrachte - was wegen der offenkundig damit verbundenen Absicht, deutsche Bombenkriegsopfer gegen jüdische Opfer des nationalsozialistischen Genozids in Stellung zu bringen, weithin Empörung hervorrief.

          „Nuklearer oder atomarer Holocaust“

          Der Begriff Holocaust ist indes schon früher auf den Bombenkrieg angewandt worden, erst seit dem Ende der siebziger Jahre wird er zunehmend ausschließlich auf den Judenmord der Nationalsozialisten bezogen. Verfestigt hat sich das erst in den neunziger Jahren, noch in den Achtzigern benutzte die Friedensbewegung das in eine befürchtete Zukunft weisende Wort vom nuklearen oder atomaren Holocaust.

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          So beschwor der heutige Bundesinnenminister Schily (heute SPD, damals Sprecher der Grünen) den „atomaren Holocaust“; Ludger Volmer, in der vergangenen Wahlperiode noch Staatsminister im Auswärtigen Amt, benutzte diesen Ausdruck noch 2002 in einem Aufsatz. Dahinter steckt natürlich nicht die jetzt der NPD zurecht unterstellte Absicht, den Opfern eines sowohl in seiner spezifischen Form als auch der schieren Zahl nach singulären Staatsverbrechens den geschuldeten Respekt zu verweigern.

          In der deutschen Sprache gibt es für die Judenvernichtung keinen festen Begriff. Eingebürgert hat sich seit den Frankfurter Strafprozessen der sechziger Jahre „Auschwitz“ als konkretes Symbol des bürokratisch geregelten Massenmordes vor allem an Juden, aber auch anderen Minderheiten. Der Ausdruck Holocaust ist aus dem Amerikanischen nach Deutschland gekommen; mit der Ausstrahlung der Fernsehserie gleichen Namens im Januar 1979 begann er sich zügig durchzusetzen. Das auch im Deutschen zuvor existierende Fremdwort „Holokaust“ war ungebräuchlich, auch in wichtigen Wörterbüchern wird es nicht verzeichnet (wie bis in die achtziger Jahre hinein auch nicht die angelsächsische Schreibung mit „c“).

          Der Ursprung

          Die Schreibung mit „k“ entspricht der Herkunft aus dem Griechischen; „holo-“, und das Verbaladjektiv „kaustos“ bedeuten „ganz“ und „verbrannt“. Bei dem Geschichtsschreiber Xenophon ist das Wort zum ersten Mal nachweisbar für ein Ganzbrandopfer, also ein vollständig zu verbrennendes Opfertier (gewöhnlich wurden nur die ungenießbaren Teile geopfert). In der griechischen vorchristlichen Bibelübersetzung, der Septuaginta, kommt das Wort „holokaustos“ als Übersetzung des Hebräischen „ola“ mehr als hundertmal vor. In der lateinischen Vulgata wurde daraus „holocaustum“, das so, als „holocaust“, Eingang in die angelsächsischen Sprachen fand und zu einem vergleichsweise gängigen Begriff auch in der schönen Literatur wurde. In Deutschland kam es nicht zu dieser Entwicklung, weil in Luthers Bibelübersetzung grundsätzlich deutsch von „Brandopfer“ die Rede ist.

          Tatsächlich ist das Wort wegen seiner sakralen Konnotationen in seiner Anwendung auf den Massenmord an den Juden immer wieder auch der Kritik begegnet. Dennoch wurde es schon im Dezember 1942 auf die Vernichtungsmaschine angewandt, die in Auschwitz bereits im Sommer in Gang gesetzt worden war. Der Begriff meinte schon damals nicht etwa ein gottwohlgefälliges Opfer, sondern die umfassende Vernichtung.

          Die britische Tageszeitung „News Chronicle“ verknüpfte als erste mit dem Stichwort Holocaust die Einschätzung, daß Hitler die Auslöschung der Juden plane (“the Jewish peoples are to be exterminated“). Im März des darauffolgenden Jahres verlautete im Londoner Oberhaus die Einschätzung, womöglich würden nur einige hundert oder tausend Juden diesem „holocaust“ entfliehen können - so der Viscount Samuel.

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