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Hizbullah : Spionagekrieg südlich des Litani

  • -Aktualisiert am

Erhöhte Aufmerksamkeit: Unifil-Soldat vor Plakat Hassan Nasrallahs im Südlibanon Bild: AP

Erst sind Waffenlager der schiitischen Hizbullah-Miliz in die Luft gegangen, dann hat die israelische Marine einen Tanker mit Waffen aufgebracht: Die Libanon-Schutztruppe Unifil fürchtet eine neuerliche Eskalation.

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          Erst ist es nur ein Mann, dann sind es zwei, dann drei. Ort des Geschehens ist Haret Hreik im Süden Beiruts, die Hochburg der Hizbullah. „Was machen Sie hier?“ fragt der Anführer der Gruppe, der auf einem Motorroller als erster angeprescht kam, und drängt uns an eine Häuserwand. „Zeigen Sie Ihre Papiere!“ Der Hinweis, man habe gerade den Sprecher der Hizbullah, der schiitischen „Partei Gottes“, im nur wenige Straßen entfernten Pressebüro der Organisation getroffen, interessiert den Mann mit der Marlboro-Schachtel in der Brusttasche des karierten Hemdes nicht; auch die CDs mit Reden des Hizbullah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah im Rucksack machen keinen Eindruck auf ihn.

          Stattdessen sucht er im Speicher der Digitalkamera nach Fotos und verbindet das mit der Warnung, im Einflussgebiet der Hizbullah niemals zu fotografieren. Beim Durchblättern des Reisepasses fragt er misstrauisch: „Waren Sie schon einmal in Israel?“ Erst der Blick auf das Akkreditierungsschreiben des libanesischen Informationsministeriums besänftigt den Mann; er reicht die Papiere zurück. „Hier gibt es nie Probleme“, sagt er beschwichtigend - und will zum Abschied nur noch wissen, wo es als nächstes hingehe.

          Waffen für einen Monat Krieg

          Die Nervosität des im Süden Beiruts allgegenwärtigen Sicherheitspersonals der Hizbullah hat einen Grund: Im Frühjahr flog ein israelischer Spionagering auf, der die Nasrallah-Organisation mehr als zwanzig Jahre bespitzelt hatte. Viele Verdächtige wurden verhaftet, unter ihnen ranghohe Militärs und Polizeioffiziere. Im Juli dann ging im Südlibanon ein mutmaßliches Waffenlager der Anfang der achtziger Jahre von Iran gegründeten Parteimiliz in die Luft. Im Oktober detonierte ein zweites Lager nahe der israelischen Grenze.

          Schiffe im Visier: Deutscher Unifil-Soldat vor Radarbildschirm an Bord der Fregatte „Bayern” 2008

          Anfang November schließlich fing die israelische Marine vor Zypern den mit Waffen beladenen deutschen Tanker „Francop“ ab, die angeblich über Syrien der Hizbullah geliefert werden sollten. Nach israelischen Angaben hatte die „Francop“ unter anderem 9000 Mörsergeschosse und 3000 Katjuscha-Raketen geladen, dazu mehr als 20.000 Granaten und gut eine halbe Million Patronen Munition für kleinere Waffen. Damit hätte die Hizbullah im Falle eines Krieges einen ganzen Monat lang gegen Israels Streitkräfte bestehen können. Es war der bislang größte Waffenfund Israels in der Region.

          Zwar wird in den israelischen Sicherheitsbehörden die Zerschlagung des Spionagenetzes im Libanon als schwerer Rückschlag gewertet. Es sei nun schwieriger, mögliche Gefahren an der Nordgrenze aufzuklären. Doch muss die Hizbullah mit weiteren Unterwanderungsversuchen rechnen - auch wenn westliche Geheimdienste das über Jahrzehnte weitgehend erfolglos versucht haben. Gerade die Sprengung der beiden Waffendepots im Grenzgebiet zu Israel im Juli und Oktober zeigt, dass die Versuche der israelischen Terrorabwehr, ihren Einfluss im Libanon zu wahren, nicht aufgehört haben. „Alles deutet darauf hin, dass wir daran beteiligt waren“, sagte ein israelischer Diplomat dieser Zeitung. Ziel solcher Aktionen sei es, der Hizbullah klarzumachen, dass keiner ihrer Schritte unverfolgt bleibe.

          Gefüllte Waffenlager

          Knapp dreieinhalb Jahre nach Ende des zweiten Libanon-Krieges ist es der in der neuen Regierung mit zwei Mitgliedern vertretenen Organisation offenbar trotzdem gelungen, ihre Waffenvorräte auf den Stand vor dem Krieg zurück zu bringen. Rund tausend Katjuscha-Raketen hatten Nasrallahs Milizionäre während der 34 Tage dauernden Kämpfe im Sommer 2006 auf den Norden Israels gefeuert. Westliche Sicherheitsleute vermuten, dass die Miliz inzwischen wieder über 40000 Raketen verfügt, darunter in Iran produzierte vom Typ Zelzal, Fajr-3 und Fajr-5 sowie Flugabwehrgeschosse. Der Libanon sei stark genug, um die gesamte israelische Armee zu zerstören, brüstete sich Nasrallah Anfang November in Beirut.

          „Die Situation im Süden wird immer besorgniserregender“, heißt es deshalb bei der Libanon-Mission der Vereinten Nationen (Unifil), die damit betraut ist, die im August 2006 in UN-Sicherheitsratsresolution 1701 vereinbarte Waffenruhe zu sichern. Die rund 12 000 Soldaten starke internationale Truppe hat ihre Patrouillen im Grenzgebiet südlich des Flusses Litani verstärkt. Seit dem Gaza-Krieg Anfang des Jahres wurde Israel schon fünfmal vom Südlibanon aus beschossen, zuletzt im Oktober.

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