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Hitlers „Mein Kampf“ : Böses Buch

  • -Aktualisiert am

Adolf Hitler in seiner Zelle in der Feste Landsberg. Während der Haft schrieb er „Mein Kampf“ Bild: dpa

Eine halbe Million Euro hatte die Bayerische Staatsregierung schon für eine kritische Edition von „Mein Kampf“ ausgegeben. Dann entschied sich Horst Seehofer für den Ausstieg. Niemand wagte es, dem Häuptling zu widersprechen.

          Im preußischen Innenministerium war man sich ganz sicher. „Mein Kampf“, so steht es in einer Analyse der Beamten von 1930, sei eine zentrale und aufschlussreiche Quelle der NSDAP. Die Parteiführer hielten sich zwar zurück, öffentlich Gewalt gegen den Staat zu propagieren. Aber zahlreiche Anhaltspunkte aus der Hetzschrift belegten, dass die Partei „auch weiterhin zum gewaltsamen Vorgehen gegen den bekämpften republikanischen Staat bereit ist“.

          Auch im Jahr 2013 beschäftigen das Werk Adolf Hitlers und eine nationalistische, gewalttätige Partei die Innenministerien der Länder. Die Fragen dort lauten: Sollte das Buch, sollte die NPD verboten werden? Oder ist es besser, auf die Abwehrkräfte der demokratischen Gesellschaft zu hoffen? Sollen wir dem Bürger vertrauen – oder ihn vor der nationalistischen Versuchung schützen?

          In den vergangenen Wochen hat sich die Kontroverse zugespitzt. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer von der CSU zog sich Mitte Dezember überraschend aus dem Projekt einer historisch-kritischen Ausgabe des Hitler-Buchs zurück. Seehofers Staatsregierung hatte schon eine halbe Million Euro dafür ausgegeben, dass das Institut für Zeitgeschichte in München eine historisch-kritische Fassung von „Mein Kampf“ erstellt. Daraus sollte die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit dann eine Arbeitshilfe für Lehrer machen. Seehofers Argument für seine Wende: Man könne nicht einerseits das volksverhetzende Werk „Mein Kampf“ mit bayerischem Staatswappen herausbringen und andererseits in Karlsruhe einen Verbotsantrag gegen die volksverhetzende NPD stellen.

          Söder wollte sogar eine Ausgabe auf Englisch herausbringen

          Die Bundeszentrale für politische Bildung hält dagegen an dem Projekt fest; sie hatte vor Seehofers Rückzug bereits mit der bayerischen Landeszentrale zusammengearbeitet. „Wir werden Ausschnitte aus ,Mein Kampf‘ als Arbeitshilfe für Lehrer verschiedener Schultypen entwickeln“, sagt jetzt der Präsident der Bundeszentrale, Thomas Krüger. Er bleibe bei seiner Haltung, dass es einer Neuedition bedürfe. Die Publikation soll entstehen, weil das Urheberrecht bald erlischt – laut Gesetz 70 Jahre nach dem Tod des Autors Adolf Hitler. Das ermöglicht es theoretisch jedem Verlag, vom Jahr 2016 an „Mein Kampf“ auf den Markt zu werfen. „Wir können es uns in unserem Land nicht leisten, so etwas unkommentiert stehen und vor sich hinarbeiten zu lassen“, sagt Krüger. Er werde sich für die historisch-kritische Ausgabe „eng mit dem Bundesinnenminister abstimmen“.

          Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig, dass eine kritische Edition der Primärquelle, die unter anderem Hitlers Rassen- und Lebensraumtheorien enthält, knapp 90 Jahre nach dem Erscheinen nötig ist. Das Institut für Zeitgeschichte in München begann schon im Jahr 2009, daran zu arbeiten. Der Zentralrat der Juden befürwortet das Projekt. Auch der britische Historiker und Hitler-Forscher Ian Kershaw sagt: „Eine gefestigte Demokratie sollte keine Angst vor ,Mein Kampf‘ haben.“ Wichtig sei, dass es sich um eine „streng wissenschaftliche Ausgabe“ handle.

          Hitlers Buch war nach seiner ersten Publikation in den zwanziger Jahren verheerend besprochen worden, ein Rezensent äußerte etwa „leichte Zweifel an der geistigen Intaktheit des Memoirenschreibers“. Das Werk fand zunächst wenig Beachtung. Im Nationalsozialismus wurde es dann staatlich geförderte Lektüre für Millionen, etwa als Gabe für Hochzeitspaare.

          Der formelle Inhaber des Urheberrechts ist bis zu dessen Erlöschen noch der bayerische Finanzminister – als Rechtsnachfolger des nach 1945 durch die Alliierten verbotenen Franz-Eher-Verlages. Der Minister, Markus Söder von der CSU, hatte sich an einer kritischen Ausgabe beteiligt, weil man „Mein Kampf“ ohnehin nicht ganz verbannen könne: Es ist im Ausland erhältlich – und im Netz. „Das Buch muss entmystifiziert werden“, hatte Söder im Mai vergangenen Jahres gesagt. „Wir werden alle Vertriebswege nutzen.“ Er dachte damals daran, neben dem Buch eine Ausgabe auf Englisch, ein E-Book und ein Hörbuch herauszubringen.

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