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Hitlers „gefährlichster Mann“ : Vom SS-Kriegshelden zum Mossad-Killer?

Otto Skorzeny auf einer Aufnahme aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Bild: Picture-Alliance

Ein deutscher Raketenforscher verschwindet 1962 spurlos. Das Rätsel um ihn soll nun gelöst sein. Der israelische Geheimdienst habe einen Killer engagiert, berichtet eine Zeitung des Landes. Und wartet mit einer Sensation auf.

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          Einer der bekanntesten Kriegshelden des Dritten Reiches soll als Auftragsmörder für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet haben. Das geht aus einem Bericht der renommierten israelischen Zeitung Haaretz hervor, der am Sonntag veröffentlicht wurde. Der Mann, um den es sich handeln soll, war Otto Skorzeny, bei Kriegsende SS-Standartenführer (vergleichbar einem Oberst). Insbesondere für die Befreiung Benito Mussolinis ab 1943 von der deutschen Propaganda gefeiert.

          Skorzeny soll 1962 vom Mossad engagiert worden sein, schreibt Haaretz unter Berufung auf Gespräche mit ehemaligen Offizieren des israelischen Geheimdienstes und Israelis, die Zugang zu den geheimen Archiven des Mossad besitzen wollen. Die Verpflichtung des hochdekorierten Nazi-Kämpfers rührte demnach von den Anstrengungen des Mossad, Ägyptens damalige Pläne für ein Raketenprogramm zu durchkreuzen.

          Bei Skorzenys erstem Opfer soll es sich um den deutschen Wissenschaftler Heinz Krug gehandelt haben. Krug soll laut Haaretz im Zweiten Weltkrieg in Peenemünde an der Entwicklung des deutschen Raketenprogramms  beteiligt gewesen sein. Den Kontakt zu Skorzeny hatte Krug, der 1962 bereits für das ägyptische Raketenprogramm arbeitete, demnach selbst gesucht. Er habe über Monate Drohanrufe erhalten, in denen er dazu aufgefordert worden sei, seine Arbeit für die Ägypter einzustellen. Andere Deutsche, die vor Ort arbeiteten, hätten Briefbomben zugeschickt bekommen. Krug soll sich sicher gewesen sein, dass der israelische Geheimdienst dafür verantwortlich war – und sich vertrauensvoll an Skorzeny gewandt haben.

          Unstrittig ist, dass Skorzeny im Zweiten Weltkrieg über die Frontlinien hinweg den Nimbus als Kopf spektakulärer Kommandounternehmen erwarb. Weltbekannt wurde der österreichische Ingenieur, der sich als überzeugter Nazi bei Kriegsausbruch freiwillig zur SS gemeldet hatte, durch seine Beteiligung an der mit Lastenseglern geführten Operation zur Befreiung des inhaftierten italienischen Diktators Benito Mussolini am 12. September 1943 vom Gipfel des Gran Sasso (“Unternehmen Eiche“). Hitler machte ihn daraufhin mit der Verleihung des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes zum Helden – auch wenn in Wahrheit andere die Operation geleitet hatten.

          Bis Kriegsende wurde Skorzeny von da an immer wieder mit Geheimoperationen betraut. Im Oktober 1944 stürmte ein Kommando Skorzenys die wichtigsten ungarischen Regierungsstellen und stürzte damit die Regierung Miklós Horthys, die abtrünnig zu werden drohte. Während der Ardennenoffensive im Dezember 1944 führte Skorzeny dann einen Kommandoverband deutscher Soldaten in amerikanischen Uniformen (“Operation Greif“), der hinter den feindlichen Linien operieren sollte, auch wenn kaum einer seiner Soldaten zum Einsatz kam. Sie trug ihm den Ruf ein, der „gefährlichste Mann Europas“ zu sein.

          So ließ sich Skorzeny 1959 auf seinem Sitz Martinstown House in Irland ablichten.

          Diesem Mann, den die deutsche Propaganda offenkundig größer machte, als er war, vertraute sich Krug angeblich an. Was er nicht wissen konnte: Skorzeny war laut den Quellen von Haaretz zu Beginn des Jahres in Madrid vom Mossad verpflichtet worden. Der Deal: Skorzeny hilft dabei, die Arbeit der Wissenschaftler aufzuhalten. Skorzenys Bedingung: Er wird von der Liste des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal gestrichen. Danach wurde der SS-Offizier laut Haaretz nach Israel geflogen und genau instruiert. Er soll sogar zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gebracht worden sein.

          Am Tag seines Verschwindens verließ Krug gemäß den Quellen der israelischen Zeitung sein Büro, um sich mit Skorzeny zu treffen. Der 54 Jahre alte Mann, der sein Retter werden sollte, fuhr mit ihm an einem Septembertag 1962 in einem Mercedes 300 SE aus München hinaus, Richtung Norden, gefolgt von einem weiteren Wagen mit drei Insassen, die Skorzeny als Leibwächter vorgestellt haben sollen. In einem Waldstück soll Skorzeny Krug dann erschossen haben. Die übrigen drei, es soll sich um Mossad-Agenten gehandelt haben, übergossen Krugs Leiche angeblich mit Säure, verscharrten die Überreste in einem provisorischen Grab, und streuten Kalk drüber, damit keine Tiere vom Verwesungsgeruch angelockt werden.

          Nach dem Mord soll sich Skorzeny als äußerst engagierter Agent im Auftrag des Mossad hervorgetan haben, der die Aufträge des israelischen Geheimdienstes übererfüllte. Von einer Reise nach Ägypten kehrte er nicht nur mit einer detaillierten Liste deutscher Wissenschaftler und ihrer Adressen im Dienste des Landes mit. Skorzeny übermittelte angeblich auch direkt eine Liste europäischer Firmen mit, die Komponenten für militärische Projekte Ägyptens beschafften und versandten.

          Bei einer weiteren Reise nach Ägypten überraschte Skorzeny laut Haaretz mit seiner Bereitschaft, Briefbomben zu versenden. Eine von ihnen tötete demnach fünf Ägypter in einer Raketenfabrik, in der auch Deutsche arbeiteten.

          Ob die Geschichte sich so ereignet hat, lässt sich kaum feststellen. Was die nachprüfbaren Teile angeht, offenbart der Artikel Schwächen, die skeptisch machen. So steht die Rolle Krugs als angeblicher Raketenexperte im Widerspruch zu Angaben der Zeitschrift „Der Spiegel“, die ihn anlässlich seines Verschwindens im Herbst 1962 als Juristen vorstellen, der von deutschen Raketenbauer verachtet wurde. Auch die Rolle von Skorzenys Kommandoverband in amerikanischen Uniformen wird überzeichnet.

          In jedem Fall hat Skorzeny seine Sicht der Dinge mit ins Grab genommen. Er starb 1975 in Madrid an Krebs, im Alter von 67 Jahren. An seiner Beerdigung in Wien nahmen zahlreiche Veteranen des Dritten Reichs teil, die von Skorzeny mit Hitlergruß Abschied nahmen. Von der Liste des Nazijägers Simon Wiesenthal wurde er laut Haaretz nie gestrichen.

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