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Frankfurter Zeitung 24.10.1918 : „In diesem Fall muss Deutschland sich ergeben“

  • Aktualisiert am

Robert Lansing, Secretary of State, überbringt die Antwort des US-Präsidenten. Bild: Picture-Alliance

In seiner Antwortnote verlangt US-Präsident Wilson die Kapitulation Deutschlands als Basis für Friedensgespräche, sollte die Regierung dieselbe bleiben.

          Haag, 24. Oktbr. Hollandsch Niewes Bureau meldet aus Washington: Das Auswärtige Amt in Washington hat folgendes veröffentlicht:

          Vom Staatssekretär an den mit der Wahrnehmung der deutschen Interessen in den Vereinigten Staaten beauftragten einstweiligen Geschäftsträger der Schweiz.

          Auswärtiges Amt, 23. Oktober 1918.

          Mein Herr! Unter Berücksichtigung der Mitteilung der deutschen Regierung vom 20. Oktober, welche Sie übermittelten, beehre ich mich, Sie zu benachrichtigen, daß der Herr Präsident mich beauftragt hat folgendes darauf zu antworten:

          Nachdem der Präsident der Vereinigten Staaten die feierliche und deutliche Erklärung der deutschen Regierung erhalten hat, daß sie rückhaltlos die Friedensbedingungen akzeptiere, die in seiner Botschaft vom 8. Januar 1918 an den Kongreß der Vereinigten Staaten niedergelegt sind, und die Grundsätze einer Regelung, welche in seinen folgenden Botschaften bekundet wurden, namentlich in seiner Botschaft vom 27. September, und daß die deutsche Regierung wünsche, die einzuleitenden Schritte über deren Anwendung zu besprechen, und daß dieser Wunsch und dieses Ziel somit nicht von Seiten derjenigen kommt, die bisher Deutschland Politik diktierten und den gegenwärtigen Krieg im Namen Deutschlands führten, sondern von Seiten eines Ministeriums, das für die Mehrheit des Reichstages und für eine überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes spricht, nachdem weiter der Präsident gleichfalls das weitere Versprechen der deutschen Regierung erhalten hat, daß die Gesetze der Menschlichkeit und der zivilisierten Welt zu Wasser und zu Lande durch die deutschen Streitkräfte werden beobachtet werden, empfindet der Präsident, daß er sich nicht mehr weigern könne, mit den Regierungen, mit denen die Regierung der Vereinigten Staaten verbündet ist, der Frage eines Waffenstillstandes näherzutreten.

          Er hält es aber für seine Pflicht, neuerdings zu erklären, daß der einzige Waffenstillstand, den zur Erwägung vorzutragen er sich berechtigt fühlen würde, nur ein solcher sein würde, welcher die Vereinigten Staaten und die mit ihnen verbündeten Mächte in einer Lage lassen würde, um jeder Abmachung, welche getroffen werden könnte, jene Kraft zu verleihen, die eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten von Seiten Deutschlands unmöglich machen würde. Der Präsident hat daher seine Korrespondenz mit den gegenwärtigen deutschen Behörden den Regierungen, mit denen die Regierung der Vereinigten Staaten als mitkriegführenden verbunden ist, übermittelt, mit dem Vorschlage, falls diese Regierungen geneigt sind, den Frieden zu den angedeuteten Bedingungen grundsätzlich zu bewerkstelligen, ihre militärischen Ratgeber einzuladen, zusammen mit denen der Vereinigten Staaten den gegen Deutschland verbündeten Regierungen die notwendigen Bedingungen eines Waffenstillstands zu unterbreiten, der das Interesse der betreffenden Völker vollständig wahren würde, um den verbündeten Regierungen das unbeschränkte Recht zur Sicherung der Einzelheiten des Friedens, mit denen die deutsche Regierung sich einverstanden erklärt hat, zu verbürgen und sie durchzusetzen, vorausgesetzt, daß sie einen Waffenstillstand für möglich halten. Ihre Annahme durch Deutschland wird den besten konkreten Beweis bilden für die Annahme der Bedingungen und Grundsätze des Friedens von Seiten Deutschlands, woraus die ganze Aktion sprießt.

          Der Präsident fühlt, daß er nicht völlig aufrichtig wäre, wenn er nicht betonen würde, und zwar in möglichst klarer Form, warum außerordentliche Sicherungen verlangt werden müssen. So bedeutungsvoll und wichtig die Verfassungsänderungen zu sein scheinen, von denen der deutsche Staatssekretär des Aeußern in seiner Note vom 20. Okt. Spricht, scheint es doch nicht, daß die Prinzipien einer Regierung, welche dem deutschen Volke verantwortlich ist, jetzt bereits völlig ausgesprochen worden sind, oder daß irgend eine Garantie existiert oder erwogen wird, dafür, daß die Abänderung der Grundsätze oder ihre Durchführung, über die jetzt teilweise eine Einstimmigkeit erzielt worden ist, dauernd sein wird. Außerdem tritt nicht klar in die Erscheinung, ob der Kern der gegenwärtigen Schwierigkeiten getroffen worden ist.

          Es ist möglich, daß künftige Kriege jetzt unter Kontrolle gesetzt worden sind, aber der gegenwärtige Krieg war das nicht, und es handelt sich um den gegenwärtigen Krieg, mit dem wir es jetzt zu tun haben. Es ist klar, daß das deutsche Volk kein Mittel besitzt, um zu befehlen, daß die deutschen Militärbehörden sich dem Volkswillen zu unterstellen habe, daß die Macht des Königs von Preußen, die Politik des Reiches unter seiner Kontrolle zu halten, noch unzerstört ist und daß die entscheidende Initiative noch immer bei denen liegt, die bis jetzt die Herren von Deutschland waren.

          In dem Gefühle, daß der ganze Weltfrieden jetzt davon abhängt, daß klar gesprochen werde, und daß er auch von aufrechten geraden Handlungen abhängt, betrachtet es der Präsident, ohne irgend einen Versuch zu machen, etwas davon zu mildern, was als schroffe Sprache erscheinen könnte, als seine Pflicht, zu sagen, daß die Nationen der Welt kein Vertrauen hegen könnten zu den Worten derjenigen, welche bis jetzt die Herren der deutschen Politik gewesen sind und abermals zu betonen, daß beim Friedensschluß und bei dem Versuche, die endlosen Beleidigungen und Ungerechtigkeiten dieses Krieges ungeschehen zu machen, die Regierung der Vereinigten Staaten mit keinem andern als mit den Vertretern des deutschen Volkes verhandeln kann, welche andere Sicherheiten für eine echte verfassungsmäßige Haltung bieten als die bisherigen Beherrscher von Deutschland.

          Wenn mit den militärischen Beherrschern und monarchischen Autokraten von Deutschland jetzt verhandelt werden muß, so entsteht dadurch für uns die Aussicht, daß wir mit jenen später zu tun haben würden bei den internationalen Verpflichtungen des deutschen Reiches. In diesem Falle muß Deutschland keine Friedensverhandlungen führen, sondern dann muß es sich ergeben. Es kann dabei nicht unerwähnt bleiben, daß diese wesentlichen Dinge unausgesprochen bleiben.

          Genehmigen Sie den Ausdruck meiner besonders Hochachtung.

          Robert Lansing.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 27. Oktober 2018.

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