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Frankfurter Zeitung 08.07.1918 : Deutscher Gesandter in Russland ermordet

  • Aktualisiert am

Ein Teil der österreichisch-ungarischen Delegation in Brest-Litowsk. Unter ihnen ist auch Baron Mirbach. Bild: Picture-Alliance

Wilhelm von Mirbach, der deutsche Botschafter in Moskau, wird erschossen. In Deutschland herrscht Fassungslosigkeit. Fragen über den Zustand Russlands kommen auf.

          Eine unerhörte Bluttat beleuchtet wie ein aufzuckender Blitz die tragisch verworrene Lage Rußlands. In Moskau ist der deutsche Botschafter ermordet worden! Seit den chinesischen Boxerunruhen, denen der deutsche Vertretung in Peking zum Opfer fiel, ist eine derartige Verletzung des Völkerrechts nicht wieder vorgekommen. Die Persönlichkeit der Gesandten, der völkerrechtlichen Vertreter der Staaten, gilt seit Jahrtausenden als heilig und unantastbar. Mit Grauen und Entsetzen mußte die ganze Welt die Nachricht von der Moskauer Bluttat vernehmen, die einen Ausfluß tiefgehender sittlicher Verwilderung darstellt. Aber der vierjährige Krieg hat die Sittlichkeitsbegriffe der Völker zu sehr verwischt, als daß man hoffen und glauben dürfte, daß dieser tragische Vorgang dazu beitragen könnte, die Menschheit zur Selbstbesinnung zu rufen.

          Die Nachrichten, die aus Moskau eintreffen, lassen trotz mancher Unklarheit im einzelnen erkennen, daß es sich um den Ausbruch des wilden politischen Fanatismus einer Partei handelt, die ihrer Vergangenheit nach auch vor den äußersten Mitteln nicht zurückschreckt. Die geheimen russischen „Kampforganisationen“, die in der vorrevolutionären Periode eine lange Reihe blutiger Anschläge auf die Stützen der Zarenherrschaft unternommen haben, die den Terror offen als politisches Kampfmittel proklamierten, standen von jeher außerhalb der eigentlich sozialdemokratischen und marxistischen Parteien, deren äußerste Linke die jetzt in Rußland herrschende Gruppe der Bolschewiki ist. Soweit die Terroristen nicht geradezu Anarchisten und aus Fanatismus oder Verzweiflung verblendete Individualisten waren, gehörten sie dem linken Flügel der Sozialrevolutionäre an, der jetzt, wie es scheint, die Verantwortung für den Gesandtenmord vor aller Welt übernimmt.

          Diese Parteigruppe ist an Zahl vermutlich nicht stark, aber sie hat Führer, denen es an brutaler Energie und an Zielbewusstsein nicht fehlt. Ein großer Teil der linken Sozialrevolutionäre unterstützte anfänglich die Bolschewiki, als diese Kerenskijs Provisorische Regierung über den Haufen geworfen hatten. Seit dem Friedensschluß von Brest-Litowsk, der in Rußland als eine schwere Niederlage der Sowjetregierung empfunden wurde, haben aber die sozialrevolutionären Extremisten einen sozialistisch gefärbten Chauvinismus herausgebildet, der sich ebenso sehr gegen die Volkskommissare richtet, die man des gemeinen Einverständnisses mit Deutschland beschuldigt, wie gegen die bürgerlichen Parteien, die nach wie vor einen Anschluß an die Entente erstreben.

          In den wenigen bekanntgewordenen Kundgebungen dieser Partei ist immer wieder jede fremde „Hilfe“, nicht nur die japanische, die wohl allen Russen verdächtig erscheint, abgelehnt worden. Mit so einfachen und scheinbar naheliegenden Formeln wie der, daß Agenten der Entente den Gesandtenmord verübt hätten, wird man daher kaum etwas zur wirklichen Aufklärung der Tragweite dieses Ereignisses gewinnen. Die Bluttat von Moskau ist die giftige Frucht der heillosen Verwirrung, die seit der bolschewistischen Revolution über Rußland hereingebrochen ist. Die Rolle, die dabei einzelne politische Führer gespielt haben, etwa Pawel Sawenkow, der aus einem offenen Terroristen sich zum Kriegsminister in dem immerhin noch halb bürgerlichen Kabinett Kerenskijs entwickelt hatte, wird dennoch aufzuklären sein.

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