https://www.faz.net/-gpf-996bg

Frankfurter Zeitung 07.08.1918 : Propaganda! So beeinflusst die Entente das Volk

  • -Aktualisiert am

Buenos Aires hat eben vom franko-argentinischen Komitee eine ganze Kriegsausstellung zum Geschenk bekommen, die Universitätsbibliothek in Christiania eine kleine Bücherei: 200 Bändchen bester Kriegsliteratur der ersten Autoren Frankreichs. Diesem regelmäßigen Austausch der Liebenswürdigkeiten gibt die Ententenpresse und die ententistische in den neutralen Staaten ein rauschendes Echo. Während also die englische Propaganda offen auf die Durchdringung der Welt ausgeht, spielt Frankreich kulturell den Wirt aller Länder durch das bis zur Vollkommenheit ausgebildete Propagandaprinzip der Gegenseitigkeit.

Die italienische Propaganda ist seit der 12. Isonzoschlacht eine ausgesprochene Inlandspropaganda zur Organisierung des Widerstandes. Fünf Monate bot Italien den Anblick einer leidenschaftlichen in Bewegung geratenen Menschenmenge, die sich durch tausende Vorträge, in ungezählten Versammlungen und Konferenzen ein allgemeines „Coraggio“ zurief. Bis ins kleinste Abruzzendorf reichte eine in ganz kurzer Zeit geschaffene Organisation von „Widerstandskomitees“, die alle Stände umfaßten, die Klassengegensätze aufhoben, die mentalen Kräfte der Nation begeistert zusammenfaßten. Minister und Offiziere, Soldaten und Priester, Arbeiterfrauen und Gelehrte widmeten sich dem organisatorischen und dem ausübenden Dienst, selbst die Futuristen schlossen sich an.

Auf Straßen und Balkonen, Werften und Marktplätzen, in Theatern und Fabriken wurden die Zuhörer, die, wie Lichtbilder beweisen, in wahren Massen den Redensarten einer durch die Zeit kaum veränderten Kriegsbegeisterung lauschten, zum Widerstand aufgerufen. Eine für unser Gefühl peinliche, bisher auch nur von Amerika im kleinsten Maßstab nachgeahmte Aufgabe fiel den Kriegsverstümmelten zu, die sich zu Demonstrationen vereinigten. Zu wahren Festen des Chauvinismus wurden die Umzüge, die sie im ganzen Land, wieder bis in die kleinsten Dörfer hinein, veranstalteten. Rom und Florenz, Mailand und Genua erwarteten fiebernd ihre Ankunft. Tagelang riefen die armen Krüppel die Bevölkerung durch den Anblick ihrer Wunden, ihrer verstümmelten Glieder, ihrer leergelaufenen Augen zur Rache und zum Siege auf. Die mobileren  suchten Kaffees und Restaurants nach Drückebergern ab, die gebildeten hielten Vorträge, die ganze Masse dieses Elends wurde in „Kriegsverstümmelten-Komitees zur Festigung des Widerstandes“ vereinigt. Heute hat Italien, wie man gestehen muß, diese Aufgabe vollständig gelöst. Die italienische Propaganda hat die besiegten Armeen buchstäblich wieder kampffähig gemacht.

Die Propaganda der Entente ist also ein nicht mehr wegzudenkendes Erlebnis für die Politik Deutschlands. Die Regierungen der Mittelmächte machen, wie ja jedermann weiß, der Propaganda der Entente längst eine Gegenpropaganda den Boden streitig und haben auf diese Weise durch die Tat das Prinzip des moralischen Appells anerkannt. Es ist daher unausbleiblich, daß die Regierung, die im Ausland um das Urteil irgend einer öffentlichen Meinung wirbt, die öffentliche Meinung des eigenen Landes als produktive politische Macht anerkennen muß. Der Gebrauch der politischen Mittel der Demokratie nach außen muss auch im Innern eine anwandelnde Rückwirkung haben. Zu einer politischen Ideologie, der stärksten geistigen Grundlage aller Propaganda, gehört aber eine politische Gemeinschaft. Werden wir diese, dann haben wir jene. Und dann haben wir auch eine Propaganda.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 10. August 2018.

Weitere Themen

Topmeldungen

Krankhaftes Sexualverhalten : Wenn die Lust zur Qual wird

Ähnlich wie Drogen- und Spielsüchtige sind auch Sexbesessene darauf aus, sich stets neue „Kicks“ zu verschaffen. Vielen Patienten könne eine Verhaltenstherapie helfen, sagen Forscher. Jedoch hilft nicht jeder Lösungsansatz.
Blick aus der Vogelperspektive: Neben dem Messegelände wird auch das Europaviertel weiter gestaltet.

Baubeginn 2020 : Der zweite Messe-Turm

Die Gustav-Zech-Stiftung errichtet bis 2024 im Frankfurter Europaviertel einen neuen Messeeingang und ein Hochhaus. Dem Wahrzeichen am Haupteingang soll es aber keine Konkurrenz machen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.