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Frankfurter Zeitung 07.08.1918 : Propaganda! So beeinflusst die Entente das Volk

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Die englische Propaganda ist viel komplizierter und gefährlicher. Alle ihre Unternehmungen haben mindestens zwei Bedeutungen: eine militärische und eine wirtschaftliche. Nach „The New Europe“ haben sie über den Krieg hinaus unter den Völkern des Erdballs die Werte und die Struktur der angelsächischen Gesinnung bekannt zu machen.“ Dieses: „Ueber den Krieg hinaus“ drückt den Sinn der englischen Propaganda vollkommen aus. Zahllos sind ihre Aktionen, die mit dem Kampf gegen Deutschland eine Steigerung der eigenen Produktion, eine Eroberung neuer Märkte, eine macht oder wirtschaftspolitische Konsolidierung der Verhältnisse im Inland, eine Festigung der Beziehungen zu den Dominions, dem verbündeten und neutralen Ausland anstreben. Nur ein Beispiel sei für das englische System angeführt. Es ist bekannt, daß sich England mächtig modernisiert, daß die alte Weltfirma die Methoden ihres jüngsten Konkurrenten sorgfältig studiert und nachahmt. Seit einigen Monaten fordert nun eine sehr ausgeprägte Bewegung das Studium der bisher vernachlässigten fremden Sprachen.

Ob diese Bewegung aus der Kriegs- oder Wirtschaftspropaganda entstanden ist, jedenfalls ist sie sofort der politischen dienstbar gemacht worden. Der Unterrichtsminister Fisher sprach in einer politischen Versammlung über das Studium fremder Sprachen. Der Staat und Privat stellten die Mittel zur Errichtung dreier Professuren für Dänisch, Schwedisch und Norwegisch zur Verfügung. Ein „Departement für skandinavische Studien“ wurde gegründet und veranstaltete allgemeine Vorträge über skandinavische Kultur, um zum Studium der Sprachen anzureizen. Das Protektorat über die Vorträge verstand man dem norwegischen Gesandten anzuhängen. Als sich 100 Sprachschüler gemeldet hatten, wurde ein Begrüßungstelegram an den König gesandt, der mit einem Handschreiben dankte. Also: eine Gründung, die ausgesprochen geschäftlichen Zwecken diente, hatte bereits einen staatlichen Charakter erhalten, der ihre politisch propagandistische Funktion vorbereitete.

Geschickt machte die Presse aus der sich England aufdrängenden Notwendigkeit, schwedisch, norwegisch, dänisch zu lernen, eine englische Aufmerksamkeit für Skandinavien. Die „Anglo-Svedish Travel Association“ organisiert in Verbindung mit einer schwedischen Handelskammer einen durch Stipendien und Reiseerleichterungen ausgezeichneten Wechselbesuch schwedischer Journalisten in England und englischer junger Leute, die Journalisten werden wollen, in Schweden, und es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß diese Besuche in ententefreundlichen Artikeln der Gäste Englands und Schweden, Norwegen, Dänemark ausstrahlen werden. Inzwischen haben Leeds und Manchester bei der Regierung Lehrstühle für Italienisch angefordert, die selbstverständlich der englisch-italienischen Binnenpropaganda glänzende Dienste leisten werden.

Die französische Propaganda hat sich dem Nationalwesen entsprechend auf eine ganz bestimmte Teilaufgabe beschränkt. Sie besteht darin, die Herzen der Welt für die Entente zu gewinnen. Ihre Ideologie hat nicht die staatsrechtliche Exaktheit der angelsächsichen, sondern ist ganz allgemein, den gewinnend liebenswürdigen Formen entsprechend, mit denen Frankreich um jedes neutrale Herz einzeln wirbt.

Die Verbreitung der Sprache, die Kultur des geselligen Lebens usw. ebnen den Unternehmungen der zahllosen Vereine und Gesellschaften, die sich in allen Städten der Welt gebildet haben, den Weg. Es gibt kein Land mehr, in dem Frankreich nicht einen Freundschaftsbund gegründet hat, mit einer korrespondierenden Gesellschaft in Paris für den Austausch von Konzerten, Vorträgen und Broschüren. Die Gaben, die diese vom Staat unterstützten Gesellschaften verteilen, sind reichlich.

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