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Frankfurter Zeitung 09.01.1919 : Der „linke Hass gegen die bürgerliche Demokratie“

  • Aktualisiert am

Karl Liebknecht spricht während der Aufstände zu den Berliner Bürgern. Bild: Picture-Alliance

Berlin kommt einfach nicht zur Ruhe. In der Hauptstadt wird weiterhin gekämpft. Die Auseinandersetzungen bedrohen durch mehr als Gewalt auf der Straße.

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          Frankfurt, 9. Januar. Der Kampf um die Regierungsgewalt in der Reichshauptstadt und damit der Gewalt im Reiche überhaupt ist noch nicht entscheiden. Es scheint aber, daß die Regierung entschlossen ist, Gewalt gegen Gewalt zu setzen und dem Terror der Spartakusleute und ihrer Verbündeten mit größerer Energie entgegenzutreten als es bisher leider der Fall gewesen ist. Der gestrige Aufruf der Berliner Regierung kündigt an, daß einschneidende Handlungen nahe bevorstehen, und fordert die Bürgerschaft auf, nur noch kurze Zeit Geduld zu haben; die Stunde der Abrechnung nahe. Es ist lebhaft zu wünschen, daß diesem Versprechen die Erfüllung bald folge, denn was gegenwärtig in Berlin sich abspielt und in schwachen Ausstrahlungen auch anderwärts hinwirkt, ist mehr als eine bloß unmittelbare Bedrohung der bürgerlichen Freiheit durch die Gewalten der Straße, sondern eine viel schlimmere Bedrohung unseres gesamten politischen Lebens.

          Spartakus ist der beste Verbündete der Reaktion. Nicht nur, weil er den politisch zielbewußten von rechts her das beste Agitationsmaterial für die Wiederherbeiführung des alten Regimes und die Wiedereinsetzung der durch die Revolution beseitigten Gewalten in die Hand gibt, sondern weil er ihnen auch die Massen der Aengstlichen und Unentschiedenen in die Arme zu treiben droht, die ohne eigene politische Ueberlegung und Triebkraft sich dahin wenden, wo sie den besseren Schutz ihrer Interessen zu finden glauben. Liebknecht und Ledebour verdienen nach dem, was sie am deutschen Volke freveln, von den Parteien der Rechten wahrlich keine Scheltworte, sondern eher Dank und Anerkennung, und wenn es nach Verdiensten ginge, müßten die reaktionären Parteien diese beiden zu Ehrenmitgliedern ernennen.

          Für die Methoden, mit denen die Rechte aus den Berliner Vorgängen Kapital für sich zu schlagen sucht, sind Auslassungen der „Germania“ kennzeichnend, die wir im Ersten Morgenblatt wiedergegeben haben. Sie befaßt sich weniger mit dem politischen Wahnsinn, der in dem unverantwortlichen und ruinösen Treiben der äußersten Linken sich offenbart und der, wenn ihm nicht rasch und entschieden ein  Ziel gesetzt wird, unweigerlich zur Katastrophe führen muß, als damit, alle Schuld an den beklagenswerten Vorgängen allein der Regierung zuzuschieben und ihr den letzten Rest von Autorität abzusprechen, um so die Bahn für eine Rückwärtsrevidierung der Revolution frei zu machen. Die Regierung hat zweifellos sehr schwere Fehler gemacht, und den allerschwersten damit, daß sie so lange zögerte, von den ihr zu Gebote stehenden Machtmitteln Gebrauch zu machen, und so ihren Gegnern von links Zeit gelassen hat, sich zu einer Macht erst zu entwickeln. Es ist aber weit über das Ziel hinausgeschossen, dieser Regierung vorzuwerfen, daß sie die Macht, die sie an sich gerissen hat, zum Gegenstand eines Frevelspiels mache.

          Die Zeit ist überaus schwer und ernst

          Die diesen Vorwurf erheben, übersehen nur immer wieder das eine, daß die unselige Erbschaft, die die Revolutionsregierung zu übernehmen hatte, nicht so glatt und einfach zu liquidieren war, wie es im Interesse der Aufrechterhaltung des geordneten Ganges der Staatsmaschine und der raschen Inangriffnahme unseres staatlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus sehnlich zu wünschen gewesen wäre. Die langen Kriegsjahre mit allen schweren inneren Schäden, die sie unserem Volke gebracht haben, der jähe Zusammenbruch unserer Hoffnungen und damit auch des Glaubens und des Vertrauens zu den herrschenden Gewalten, haben das ganze Volk in seinem tiefsten Innern aufgewühlt, im Guten wie im Bösen, sodaß es Zeit braucht, bis wieder Beruhigung und seelisches Gleichgewicht zurückkehren. Daran mitzuarbeiten ist die heilige Pflicht all derer, die es mit unserem Volk und Vaterlande gut meinen. Das kann aber nur geschehen durch positive Mitarbeit an der Errichtung eines Staatswesens, das die Forderungen sozialer Gerechtigkeit zu erfüllen gewillt ist.

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