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Frankfurter Zeitung 10.11.1918 : Scheidemann ruft die Republik aus

  • Aktualisiert am

Philipp Scheidemann proklamiert die Deutsche Republik am 9. November 1918, vom Fenster der Reichskanzlei. Bild: Picture-Alliance

In Berlin wird sich versammelt, protestiert und gestreikt. Zwischen all dem kommt es zu einem historischen Ereignis.

          N Berlin, 9. Novbr. (Priv.-Tel.) Während im Laufe des Vormittags im Innern der Stadt und auch in den Vororten von einer Bewegung nicht viel zu merken war, ist im Laufe der Mittagsstunde ein Umschwung eingetreten. Gestern abend und heute morgen zirkulierten Gerüchte, daß unabhängige Führer und auch die Führer der Mehrheitssozialisten, darunter Ebert, verhaftet worden seien. Das hatte die Arbeiterschaft in ungeheure Erregung versetzt, doch sind die falschen Gerüchte selbstverständlich nicht die einzige Ursache der Bewegung. Unter der Asche hat auch in Berlin das Feuer immer geglommen. In den großen Fabriken, so bei den Daimlerwerken, bei Schwarzkopf, der A.E.G. und anderen hatten die Arbeiter bereits um 9 Uhr vormittags die Arbeit niedergelegt und in den Fabrikräumen und Arbeitshallen Versammlungen abgehalten. Gegen 12 Uhr zeigten sich in den Vororten größere Arbeitermassen auf den Straßen, die sich schnell zu großen Zügen formierten und unter Vorantragung von roten Fahnen den Marsch ins Innere der Stadt antraten.

          Das erste Marschziel waren die Kasernen, die von den Arbeitermassen gestürmt wurden, ohne daß es dabei zu ernsten Zusammenstößen kam, da die Soldaten, wie bis jetzt bekannt ist, nirgends ernstlichen Widerstand geleistet haben. Lediglich in der Maikäferkaserne, wo zwei Offiziere den Eindringlingen Widerstand entgegensetzten und von ihren Schwußwaffen Gebrauch machten, kam es zu einem kurzen Kampf, in dem die beiden Offiziere und ein Arbeiter getötet, ein Arbeiter verwundet wurde. In den Kasern schlossen sich die Soldaten der Bewegung an und entfernten als äußeres Zeichen dafür ihre Kokarden von Mütze und Kragen. Auf den Kasernengebäuden wurden alsbald rote Fahnen gehißt. Waffen und Munition wurden an die Arbeiter verteilt, die sofort zur Bildung einer Bürgergarde schritten und in den Vorstädten die Aufrechterhaltung der Ordnung übernahmen. Gegen 2 Uhr erreichten die Züge, die auf ihrem Marsch immer stärker anschwollen, die innere Stadt. Inzwischen hatte sich ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, der in folgender Kundgebung

          die Republik und den Generalstreik

          proklamierte:

          „Der Arbeiter- und Soldatenrat von Berlin hat den Generalstreik beschlossen. Alle Betriebe stehen still. Die notwendige Versorgung der Bevölkerung wird aufrecht erhalten. Ein großer Teil der Garnison hat sich in geschlossenen Truppenkörpern mit Maschinengewehren und Geschützen dem Arbeiter- und Soldatenrat zur Verfügung gestellt. Die Bewegung wird gemeinschaftlich geleitet von der sozialdemokratischen Partei Deutschlands und der unabhängigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

          Arbeiter, Soldaten! Sorget für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung. Es lebe die soziale Republik!

          Der Arbeiter und Soldatenrat.“

          Die Bewegung schwillt mit jeder Minute an. An allen Plätzen und Straßenkreuzungen finden Ansammlungen statt. Arbeiter und Soldaten halten Ansprachen an die Menge, die sich in fortwährenden Hochrufen auf die Republik ergeht. Vor dem Reichstag hielt Staatssekretär Scheidemann eine längere Ansprache an die Waffen, in der er die Ausrufung der Republik kundgab und zur Ruhe und Ordnung aufforderte. Bisher ist es nirgends zu Ausschreitungen gekommen. Soldaten und Offiziere, die sich auf den Straßen zeigen, werden angehalten und zur Entfernung der Kokarden und die Offiziere außerdem zur Ablegung der Spauletten und sonstigen Gradabzeichen aufgefordert.

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