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Frankfurter Zeitung 24.09.1918 : Bomben auf Paris

  • Aktualisiert am

Schäden durch einen Bombenangriff auf Paris im März 1918. Bild: Picture-Alliance

Die französische Metropole wird von deutschen Kampffliegern angegriffen. Ein Augenzeuge schildert die Nacht der Attacke.

          Von unterrichteter Seite wird uns folgende Schilderung des letzten Luftangriffs auf Paris zur Verfügung gestellt:

          Die Schreckensnacht vom 15. zum 16. September wird den Parisern lange in Erinnerung bleiben. Man lebte ohne Sorge in Paris, seitdem das deutsche Ferngeschütz nicht mehr seine ebernen Grüße von der Front herübersandte. Auch die fortwährenden Fliegerangriffe von früher hatten aufgehört. Der letzte vom Juni war längst vergessen, und mit einer gewissen Schadenfreude und Eitelkeit lasen die Pariser von den stark übertriebenen Erfolgen der Bombenangriffe in unserem Heimatgebiet. Die Behörden hatten immer wieder auf die Vervollkommnung des Abwehrschutzes hingewiesen, sodaß der „Matin“ noch vor kurzem frohlockend seinen Lesern die kühne Behauptung auftischte: „Wir haben unsere Hauptstadt so gut geschützt, daß selbst der schneidigste deutsche Leutnant es nicht wagen wird, anzugreifen.“

          Aber sie kamen doch: Nicht nur ein Flugzeug, in ganzen Geschwadern und in immer neuen Wellen von nur wenigen Minuten Abstand durchbrachen die deutschen Riesenvögel die für undurchdringbar gehaltene Luftsperre. Ueber 5 Stunden, von 1 Uhr nachts bis 6 Uhr morgens, hielten sie die Pariser Bevölkerung in Atem. Trotz der Dunkelheit und der großen Höhe, die die Flugzeuge beim Anfluge aussuchten, erreichten sie sämtlich das Ziel. Die Abblendung von Paris war gut durchgeführt, aber die Riesenstadt war gleichwohl in allen Teilen deutlich zu erkennen. Der Angriff kam gänzlich überraschend. Sofort nach den ersten Bomben setzte ein Abwehrfeuer ein, das dem Trommelfeuer in der Flandernschlacht in nichts nachstand. Flugabwehrgeschütze sandten tausende von Brandgranaten und Leuchtgeschossen in die Luft, ungezählte Scheinwerfer tasteten mit ihren Riesenfingern suchend den Himmel nach den kühnen deutschen Eindringlingen ab. In wenigen Minuten glich Paris einem feuerspeienden Vulkan. Unbekümmert um die feindliche Ballonsperre und die überaus starke Flakabwehr, die sich auch auf dem ganzen Anflugwege immer mehr steigerte, erreichte ein Flugzeug nach dem anderen Paris und warf seine Bomben. Keine von ihnen wog unter einem Zentner!

          Insgesamt wurden während des fünfstündigen Angriffs über 22.000 Kilogramm Bomben abgeworfen. Zum Teil gingen die Flugzeuge beim Abwurf auf sehr niedrige Höhen herunter, um bessere Treffer zu erzielen. Die Wirkung war verheerend. Das ganze Weichbild von Paris wurde mit Bomben abgestreut. In allen Teilen der Riesenstadt Treffer erzielt. Aus ungezählten Häusern schlugen Flammen gen Himmel empor. An vielen Stellen entstanden Explosionen von Munitionslagern. Treffer im Nordorstteil der Stadt verursachten eine gewaltige Feuersbrunst, die das ganze Stadtviertel erhellte. Kurz vor 3 Uhr brach auf dem westlichen Seineufer in einer großen Fabrikanlage ein Riesenbrand aus, dessen Rauchschwaden sich über ein Gelände von 20 Kilometer Länge und mehrere Kilometer Breite ausdehnten. All diese Brände konnten von den Flugzeugbesatzungen auf dem Rückfluge bis zur Front beobachtet werden, neu startenden Flugzeugen wiesen diese flammenden Ziele den Weg.

          Nie wird ein Angriff ungesühnt bleiben

          Erst wenige Meldungen über die Schäden dieses Luftangriffes sind bis jetzt aus dem feindlichen Auslande zu uns gedrungen. Eine amtliche Havasmeldung mußte sich angesichts der Tatsachen aber bereits zu dem Eingeständnis bequemen, daß dieser Angriff mit einer Stärke und Erbitterung durchgeführt wäre, wie nie zuvor und daß der Schaden alle bisherigen weit überträfe. Unsere Bombengeschwader taten ganze Arbeit bei dieser wohlverdienten Vergeltung für die fortgesetzte Bewerfung deutscher Städte. In der schützenden Enge der Kellergewölbe, beim Krachen der Einschläge und Donnern der Abwehrgeschütze wird der Pariser Bevölkerung in dieser Schreckensnacht zum Bewußtsein gekommen sein, wohin der von ihrer Regierung und Presse leidenschaftlich geforderte Krieg gegen deutsche Bürger und Städte führt. Nie wird ein Angriff auf deutsche Eigentum ungesühnt bleiben. Für jedes zerstörte friedliche deutsche Haus wird ein Straßenzug in Paris in Trümmer gelegt werden.

          Man wird die Schilderung nicht ohne Schaudern lesen, aber sie erinnert uns an die Schrecknisse, denen die Bevölkerung friedlicher deutscher Städte immer aufs neue, zumeist durch die Angriffe englischer Flieger, ausgesetzt ist. – Möge es gelingen, diesem Krieg, der so furchtbare Formen angenommen hat, ein baldiges Ende zu setzen. Aber ist es inzwischen wirklich undenkbar, daß die Kriegführenden endlich die Scheu ablegen, daß endlich einer dem anderen sage: wir verzichten auf Anwendung solcher Mittel, die uns doch dem Frieden nicht näher bringen? Wäre es nicht eine Ehre, das erste Wort in dieser Sache gesprochen zu haben?

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 30. September 2018.

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