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Frankfurter Zeitung 16.09.1918 : Die Friedensnote aus Österreich-Ungarn

  • Aktualisiert am

Stephan Graf Burian-Rajecz österreichischer Politiker im Jahr 1915. Bild: Picture-Alliance

Die österreich-ungarische Monarchie sendet den Vorschlag einer Friedenskonferenz in die Welt. Ist der Krieg nun bald vorbei?

          5 Min.

          Die Friedensnote der österreich-ungarischen Regierung, die eine Ueberraschung für die Welt gewesen ist, nimmt die Aufmerksamkeit der Regierungen und Völker in Anspruch. Hoffnungen, Zweifel und Befürchtungen begleiten sie auf ihrem Wege. Die unter der Geißel des Krieges leidenden Völker, wenigstens diejenigen Europas, hoffen, daß der Vorschlag des Grafen Burian, es mögen Vertreter der kriegführenden Mächte zu unverbindlichen und vertraulichen Besprechungen zusammentreten, um einmal die Möglichkeiten des Friedens zu untersuchen, den Frieden wirklich anbahnen möge. Ob die Gemeinsamkeit der Hoffnungen viel weiter reicht, ist schwer zu sagen. Denn eben das, was den Inhalt des Friedens ausmachen soll, erscheint bisher in der Auffassung nicht nur der Regierungen, sondern auch der Völker durchaus verschieden.

          Wie Amerika, wie England, wie Frankreich sich den Frieden vorstellen, das läuft durchaus dem entgegen, was Deutschland als einen ehrenvollen und möglichen Frieden, einen Frieden der Verständigung und des Ausgleichs ansieht, und wir sind im Zweifel, daß Italiens und Serbiens Auffassungen mit denen des Wiener Auswärtigen Amtes, Serbiens mit denen Bulgariens, Englands mit denen der Türken heute schon soweit übereinstimmen, um daraus die Möglichkeit zu fruchtbaren Friedensverhandlungen abzuleiten. Was wir zuletzt aus den Ländern der Entente darüber, teilweise aus dem Munde leitender Staatsmänner gehört haben, klang nicht so, als ob eine Wandlung eingetreten sei.

          Ob man am Wiener Ballplatz oder in der Hofburg Nachrichten hat, die eine andere Meinung darüber begründen würden, ob man vielleicht gar Anhaltspunkte hat, die Oesterreich im besonderen sein Vorgehen vorteilhaft erschienen lassen, darüber weiß natürlich die Oeffentlichkeit, vermutlich auch die Regierungen der Verbündeten nichts. Aber wahrscheinlich ist es keineswegs.

          Daß der Schritt der Wiener Regierung in den Völkern der kriegführenden Länder ein Gefühl wärmster Sympathie auslösen wird, darüber ist gar kein Zweifel. Der Hinweis der Note auf die Friedenssehnsucht aller Völker betont in der Tat ein Moment, das für die Beendigung des Krieges immer wichtiger werden wird, und die deutsche Regierung ist sich dessen, wie die letzte Rede Payers mit der Hervorhebung der Mitwirkung des Volkes beim Friedensschluß zeigte, durchaus bewusst. Wie weit in den feindlichen Ländern die Stimmung des Volkes schon auf einem wirklichen Frieden der Verständigung gerichtet oder auch nur mit ihm einverstanden ist, das läßt sich schwer erkennen; besonders in Amerika scheint man unter dem Drucke eines von Wilson geübten Systems nur von Clemenceau erreichter Gewaltmaßregeln noch in einem wilden Kriegstaumel und himmelstürmenden Siegeshoffnungen zu schwimmen.

          Die Wirkungen des Kaiserbriefs

          Auf die Dauer aber wird man sich auch dort den Rückwirkungen nicht entziehen können, die der fortdauernde Krieg auf die Seele des Volkes ausübt. Diese Wünsche weitreichender Bevölkerungskreise, di ein Oesterreich vielleicht noch lebhafter zu Tage treten als in Deutschland, haben indessen, neben der Macht, mit der sie eine Friedenspolitik der Regierungen hervorrufen und fördern, doch auch die Kehrseite, daß Enttäuschungen verhältnismäßig leicht eintreten und dann zu bedenklichen Rückwirkungen führen können.

          Solche Rückwirkungen wären im jetzigen Augenblick, wo gerade Festigkeit und Stärke die notwendigsten Eigenschaften sind, besonders unerwünscht. Nicht als ob es den Völkern Deutschlands, Oesstereichs und Ungarns an Mut oder der Fähigkeit fehle, Notwendiges auf sich zu nehmen. Aber eine Reihe von Maßnahmen, Aufrufen, Reden und Zeitungsartikeln, in denen die Standhaftigkeit des Volkes aufgerufen wurde, konnten in der Tat im feindlichen Ausland den fatalen Eindruck machen, als stehe es um Deutschlands moralische Widerstandskraft ganz schlimm. Das war bestimmt nicht der Fall, aber der falsche Eindruck draußen ist eine Tatsache, die für die Möglichkeit eines Friedens gewiß nicht unerheblich ist.

          Käme dazu ein wirklicher Rückschlag der Stimmung, so wäre das in der Tat ein sehr ernsthaftes Uebel. Diese Gefahr aber liegt nicht außer dem Bereich der Möglichkeit, und umsomehr ist es angebracht, die Bedenken geltend zu machen, die sich an diesen Schritt heften, und vor zu weitgehenden Hoffnungen zu warnen. Die Sorge und Befürchtungen, der Schritt könnte erfolglos bleibe und würde dann die Lage der Verbündeten und die Aussichten auf einen guten Frieden auf absehbare Zeit sehr verschlechtern, entspringen auf einmal aus den Erfahrungen, die man in Wien mit besonderen Annäherungen schon vor anderthalb Jahren gemacht hat.

          Die Wirkungen des Kaiserbriefes an den Prinzen Sixtus waren gewiß für die Wiener Regierung nicht ermutigend. Von außen her war es eine Ablehnung, die freilich nachträglich auch in der Entente zu Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen geführt hat, die aber für den Briefschreiber eine peinliche Enttäuschung gewesen sein muß. Daß das Bekanntwerden des Briefes mit seinen bestrittenen, auf jeden Fall aber sehr unangenehmen Einzelheiten innerhalb des mitteleuropäischen Bundes ein Mittel gewesen wäre, um dessen oft gerühmte Festigkeit und Herzlichkeit zu erweisen, wird vermutlich nirgends behauptet werden wollen.

          Sorgen, die nicht verschwiegen werden dürfen

          Nun muß natürlich das Mißlingen jener „Extratour“ noch nicht notwendig den gleichen oder einen ähnlichen Mißerfolg haben. Es ist sogar anzunehmen, daß die Entente, belehrt durch ihre eigenen nachträglichen Mißhelligkeiten versuchen wird, auf Oesterreich-Ungarn in dem Sinne einer Trennung seines Bundesverhältnisses einzuwirken, ein Unterfangen, das bei der Treue und Zuverlässigkeit unseres Bundesgenossen von vornherein zum Mißlingen verurteilt wäre oder daß sie sonst bemüht sein wird, wenigstens vor den Augen der Welt einen günstigen Eindruck zu machen, wenn sie sich davon etwas verspricht. Daß aber den Staatsmännern der Entente ein wirkliches Eingehen auf einen Beständigungsfrieden im gegenwärtigen Augenblick nicht sehr leicht sein wird, sieht man jeden Tag aus den Stimmen der Presse und Reden verantwortlicher Minister. Wir wissen es auch aus sehr zuverlässigen Mitteilungen von friedensfreundlicher neutraler Seite, daß die Friedensfreunde in England selbst die jetzige Stimmung wenigstens in England für ganz und gar ungeeignet halten, eine Bewegung im Sinne eines Verständigungsfriedens zu ermutigen. Dagegen halten wir es nicht für ausgeschlossen, daß die Hybris der Ententeregierungen sie zu dem Wahne treibt, das österreichische Angebot sei im Grund nichts anderes als der Vorbote einer Kapitulation des Vierbundes, der lediglich in dem Sinne zu behandeln sei, wie das Verlangen einer niedergekämpften Festungsbesatzung nach freien Abzug. Bei der sanguinischen Denkweise der Ententenminister liegt diese Möglichkeit gar nicht weit ab.

          Wäre dem aber so, dann würde man dort nach dem Wort: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen“, erst recht auf eine scharfe Fortsetzung des Krieges hindrängen, während vielleicht ein paar Monate später, wenn sich herausgestellt hätte, daß auch die feindliche Offensive nicht zu den erwarteten sofortigen Erfolge führen kann, und wenn auch den verantwortlichen Staatsmännern in England das Bedenkliche ihrer Lage gegenüber Amerika noch deutlicher geworden sein wird, eine Anregung wie die des Herrn Burian einen empfänglicheren Boden gefunden hätte. Wir haben erst in unsrem Leitartikel am Samstag auf die Wichtigkeit hingewiesen, die in der Wahrnehmung des richtigen psychologischen Moments und der Beobachtung der Aufundab-Bewegung der Stimmungen für die Anbahnung des Friedens liegt.

          Das sind Sorgen, die nicht verschwiegen werden dürfen, will man eine richtige Einschätzung des Wiener Friedensschrittes in der Oeffentlichkeit ermöglichen und nicht Illusionen groß werden lassen, deren Nachgeschmack bitter werden könnte. Mit der Würdigung des Friedensschrittes selbst und den lebhaften Wünschen für sein Gelingen hat das nichts zu tun. Ohne den Mut einer idealen Gesinnung ist ein solcher Schritt nicht zu denken. Und es gehört Mut dazu, den englischen Ersten Minister nach seiner Rede, in der er wieder die Niederwerfung Deutschlands und den Kampf bis zum Siege ankündigt, zu Verhandlungen über einen Verständigungsfrieden einzuladen. Den Gewinn wird der Schritt auf alle Fälle bringen, daß er die Entente zwingt, offen Farbe zu bekennen. Das wäre freilich nicht viel, aber unsere Wünsche sind eins mit denen der großen Mehrheit der Völker, daß die Anregung des Grafen Burian dazu beitragen möge, die Hindernisse wegzuräumen, die den Weg zu einem dauernden Völkerfrieden sperren.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 18. September 2018.

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