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Frankfurter Zeitung 05.08.1929 : Was die Nationalsozialisten wollen

  • Aktualisiert am

Anhänger der NSDAP auf dem 4. Parteitag am 1. August 1929 in Nürnberg Bild: Picture-Alliance

Wie stellt sich die NSDAP die Zukunft Deutschlands vor? Der Parteitag in Nürnberg liefert Einblicke in die Denkweise der Partei. Dabei wird eines klar: Mit dem Verstand soll keine Politik gemacht werden – sondern mit Gewalt.

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          Manchmal wird man über Nacht berühmt. Gestern lebte eine gewisse Bewegung noch im feuchten Schatten der Münchner Bierkeller und verdankte ihre Triumphe der erregenden Wirkung, die das Münchner Bier zu unserem Heile auch auf dumpfere Gemüter ausübt. Nun aber hat sich ein großer Teil der akademischen Jugend ganz Deutschlands zu ihr bekannt. Wer wird uns morgen verwalten und dafür sorgen, daß die Verbotstafeln in Deutschland beachtet und womöglich noch vermehrt werden? Wer wird unseren Kindern lehren, was mit der Welt und der Menschheit los ist? Wer wird uns heilen? Wer wird uns predigen? Die akademische Jugend von heute. Der Mann ist geehrt, dem sie sich zuwendet. Der Mann will beachtet sein, zu dem sie aufblickt.

          Nur ist es furchtbar schwer, sich mit der Bewegung Hitler auseinanderzusetzen. Es gibt in diesem manchmal recht langweiligen Leben bei Gott nichts Schöneres als den Kampf mit funkelnden geistigen Massen. Aber man braucht dazu einen Gegner. Herr Hitler hat einmal, dem Vorbild großer Heerführer folgend, seine Lebenserinnerungen herausgegeben. Damit kann man nicht viel anfangen. Vielleicht suchen wir an der falschen Stelle. Wenn sich große Teile unseres künftigen akademischen Führertums einer Bewegung zuwenden, ist mit Gewißheit anzunehmen, daß sie von einer überragenden geistigen Potenz angezogen werden. Vielleicht ist Herr Streicher in Nürnberg die Leuchte? Oder Herr Esser? Oder muß man noch weiter suchen?

          Die in Berlin erscheinende Tageszeitung des Jungdeutschen Ordens erwirbt sich das Verdienst, daß sie mitsucht. Sie steht den norddeutschen Größen der Bewegung näher. So hat sie am 30. Juli einen Berichterstatter in eine große Versammlung in Husum in Holstein gesandt, in der der Schleswig-holsteinische Führer des Nationalsozialismus und Schriftleiter Bodeo Uhse vor Tausenden sprach. In Husum ist es sogar zu einer klärenden Debatte gekommen. Der Nationalsozialismus verabscheut zwar den Parlamentarismus. Er hat Diskussionen nicht gern. Es wäre ihm lieber, wenn er diktatorisch verfügen könnte, daß er recht habe. Aber was soll man machen, wenn neugierige Versammlungsteilnehmer vor Errichtung der Diktatur noch unangenehme Fragen stellen? Der nationalsozialistische Führer mußte in Husum auf einige Zwischenrufe eingehen. Damit hat Deutschland viel gewonnen. Debatten haben die unangenehme Eigenschaft, daß die Redner gezwungen werden, die Konsequenzen ihrer eigenen Gedanken zu ziehen. Sie müssen aus den Nebel heraustreten. Wie denken sich die großen nationalsozialistischen Kritiker die deutsche Zukunft? Wir zitieren die Antworten des nationalsozialistischen Wortführers nach dem „Jungdeutschen“:

          „Wenn der Young-Plan durch Volksentscheid abgelehnt wird und dadurch der Dawes-Plan in Kraft bleibt, so wird der Dawes-Plan die innerpolitischen und außenpolitischen Gegensätze um so eher zum Austrag bringen. Lieber die Katastrophe als ein Fortleben unter solchen Verhältnissen. Wir treiben bewußte Katastrophenpolitik, die der Jungdeutsche Orden wahrscheinlich ablehnt.“

          „Leider haben wir noch nicht so terrorisieren können, wie wir wohl möchten. Unser Ziel ist, alles kaputtzuhauen, was heute ist.“

          „Nicht mit dem Verstand wird Deutschland befreit (Zwischenruf: Also ohne Verstand?), sondern mit der Faust!“

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          Die Formeln sind klar. Man hat doch jetzt eine etwas genauere Vorstellung davon, was der Nationalsozialismus will. Er will, daß Deutschland keine Revision des Vertrags Stück für Stück versuche, wie es unsere Zeitung, z. B. fordert, sondern daß es möglichst viel zahle, um so schließlich den Bürgerkrieg und einen neuen Weltkrieg als das kleinere Uebel anzusehen. Auch ein Standpunkt! „Unser Ziel ist, alles kaputtzuhauen, was heute ist.“ Alles... Auch damit ist etwas ganz Interessantes klargestellt. Kein Mensch weiß zwar, warum alles in Deutschland kaputtgehauen werden soll. Vielleicht soll man aber gar keine solchen indiskreten Fragen stellen. Vielleicht handelt es sich um Forderungen, die gar nicht so sehr aus dem Verstand kommen als aus einer Veranlagung der Nerven. Dafür spricht auf der knappe Satz: „Nicht mit dem Verstand wird Deutschland befreit, sondern mit der Faust.“ Die Faust ist also der absolute Gegensatz des Verstandes. Man darf sich um Gottes willen nicht überlegen, was man mit der Faust am klügsten anfängt. Sonst ist es schon aus. Es kommt schließlich nicht auf Deutschland an, nicht auf die Frage, wie man ihm am besten dient. Sondern darauf, daß der Verstand schweige und die Katastrophe komme.

          Man muß dem nationalsozialistischen Wortführer dankbar sein. Das ist also der Geist eines großen Teiles der akademischen Jugend, also vieler heranwachsenden Führer Deutschlands – mit Verlauf: wir sagen „Geist“, ohne damit ihrer Faust zu nahe treten und sie etwa des Verstandes bezichtigen zu wollen. Oder täuschen wir uns? Haben sie sich nur über Herrn Becker geärgert – und werden sie morgen wieder dem Verstand zugänglich sein?

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