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Frankfurter Zeitung 24.07.1918 : Österreichs Ministerpräsident Seidler tritt zurück

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Nicht, daß Seidlers Worte die Wut der Slawen bis zur Siedehitze gesteigert haben, ist das Schlimme, sondern daß die Deutschen nicht imstande waren, diesen ihnen so wohlgesinnten Minister in der Macht zu erhalten. Einen überwältigenden Begriff von den politischen Talenten der deutschnationalen Gruppen Oesterreichs hatte man schon früher nicht. Was sie sich davon versprechen, daß ein so völlig diskreditierter Beamter sich mit einem Fanfarenstoß zu ihnen stellt, das ist unerfindlich. Andeutungen österreichischer Zeitungen ist auch zu entnehmen, daß Seidlers Bündnis mit den deutschen gar nicht etwa auf einer tiefer gehenden Bewegung in der deutschen Politik beruht, sondern daß mehr private Abmachungen mit ein paar einflußreichen Abgeordneten zu Grunde lagen; sogar der Vorwurf ziemlich korrupter Beweggründe auf Seiten gewisser Volksvertreter ist erhoben worden. Wie dem auch sei, wir bemerken nicht, daß das deutsche Volk in Oesterreich Herrn von Seidler wie einem nationalen Märtyrer nachtrauert. Somit brauchen auch wir das Verschwinden dieses Ministers – wir müssen wohl annehmen, daß er sich nun endgültig zurückzieht – nicht gerade als einen Schlag für unser Volkstum zu empfinden.

Mit Herrn Dr. von Seidler geht nur ein Mann, aber weder eine Partei noch ein politisches System. Die Regierung, und in letzter Linie die Krone, ist vor dem ausgesprochenen Willen der Mehrheit des Parlaments, die gerade von diesem Minister durchaus nichts mehr hören wollte, zurückgewichen. Aber regieren kann diese Mehrheit nicht. Ein tschechisch-südslawisch-sozialdemokratisches Ministerium ist undenkbar, aus Gründen, auf die wir nicht erst einzugehen brauchen.

Den Polen, die schon mit Seidlers Entlassung einen Erfolg erzielt haben, wird man wohl entgegenkommen müssen. Im übrigen ist die logische Folge der Verhältnisse, daß ein neues Ministerium Seidler kommen dürfte mit einem Präsidenten, der einen anderen Namen führt, aber ungefähr die gleiche Politik macht oder nicht macht. Was ist anderes möglich? Das Parlament kann den Seidler nicht mehr ausstehen, gut, so mag es ein Herr von Hussarek versuchen oder sonst ein Beamter. Der wird vielleicht in diesem oder jenem es besser machen als sein Vorgänger, man wird ihm auf ein paar Monate die Gelder votieren, etwas Endgültiges, eine organische Reform des Staates kann auch er nicht vollbringen. Eine solche Reform, die doch so dringend nötig wäre, kann ja nur zustande kommen, wenn sich die Nationen durch ihre berufenen Vertreter einigen. Den in den ersten Kriegsjahren herrschenden Wahn, man könnte die Staatsordnung von oben oktroyieren, hat man nun wohl gründlich aufgegeben. Zur Einigung unter den Völkern Österreichs kann es aber nur dann kommen, wenn Tschechen und Südslawen den Wunsch Sonderstaaten zu bilden, fahren lassen, und dieser Wunsch wird erst enden, sobald die Hoffnung darauf begraben wird.

Also der Verlauf und Ausgang des Krieges wird über das Schicksal Oesterreichs bestimmen, wie er wesentlich deswegen ausgebrochen ist. Diese alte Erkenntnis sich neu zu vergegenwärtigen mag wertvoll sein, zumal Graf Czernin neulich etwas einseitig den großen Krieg als Duell zwischen Deutschland und England bezeichnete. Er ist mehr als nur das. 

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 25. Juli 2018.

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