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Frankfurter Zeitung 06.04.1918 : Besetzung des Bosporus: Russische Verschwörungen

  • Aktualisiert am

Eine Flotte der Alliierten auf dem Bosporus, zum Ende es Kriegs hin. Bild: Picture-Alliance

Glaubt man Berichten einer russischen Zeitung, konnte der Weltkrieg für das Zarenreich nicht schnell genug kommen. In einer geheimen Sitzung sollen Pläne geschmiedet worden sein.

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          Berlin, 5. April. (W.B.) Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ veröffentlicht nach der Gorkischen Zeitung „Nowaja Shisn“ vom 19. Februar d. Ts. Ein Dokument aus der Vorgeschichte des Krieges, das von ausschlaggebender Bedeutung für die Frage ist, wer den Krieg gewollt hat und wer ihn planmäßig vorbereitete.

          „Nowaja Shisn“ schreibt: Am 8./21. Februar 1914, also fünf Monate vor Beginn des Weltkrieges hat in Petersburg eine ganz geheime Sitzung stattgefunden, in der der Plan der Eroberung Konstantinopels und der Meerengen ausgearbeitet worden ist. Dabei wurde in Aussicht genommen, daß diese Operation im Rahmen eines allgemeinen europäischen Krieges vorgenommen werden sollte und die Rollen Serbiens, Bulgariens, Griechenlands, Rumäniens und anderer Staaten wurden im voraus verteilt. Das Protokoll der Sitzung wurde Nikolaus II. zur Bestätigung vorgelegt, der darauf eigenhändig vermerkte: „Die Beschlüsse der Beratung heiße ich im vollen Umfange gut.“ Deshalb sind die in der Sitzung angenommenen Beschlüsse nicht platonische Träume irgendwelcher einzelner höherer Staatsbeamten, sondern stellen im Gegenteil das reale Aktionsprogramm der russischen Regierung dar.

          Nach dem von der genannten Zeitung sodann veröffentlichten Sitzungsprotokoll haben an der Sitzung der russische Minister des Aeußern Safonow, der Marineminister Grigorowitsch, der Chef des Generealstabes Schilinski, der damalige russische Botschafter in Konstantinopel Giers und andere hohe Offiziere des Heeres und der Marine teilgenommen. Bei Beginn der Sitzung nahm der russische Minister des Aeußern Safonow auf das von ihm im Monat November an allerhöchster Stelle vorgelegte Memorandum Bezug, in dem er dem russischen Kaiser folgende Erwägung unterbreitet habe: „Im Zusammenhang mit der Veränderung der politischen Lage müsse vielleicht schon in naher Zukunft die Möglichkeit ins Auge gefasst werden, daß Ereignisse eintreten können, die die internationale Lage der Meerengen von Konstantinopel von Grund aus veränderten.“

          Es sei deshalb notwendig unter Mitarbeit der entsprechenden Behörden unverzüglich zur Ausarbeitung eines allseitigen Aktionsprogramms zu schreiten, um eine für Rußland günstige Lösung der Meerengenfrage sicher zu stellen. Obgleich er ihm gegenwärtigen Moment erhebliche politische Verwicklungen für wenig wahrscheinlich halte, könne er trotzdem selbst in der nächsten Zukunft für die Erhaltung des gegenwärtigen Zustands im nahen Osten keine Gewähr übernehmen. Rußland könne nicht zulassen, daß sich an den Meerengen irgendwelche andere Macht festsetze, und deshalb sei es nötig festzustellen, was zur Vorbereitung einer schnellen Besetzung des Bosporos bereits geschehen sei und noch geschehen müsse.

          Im Verlaufe der weiteren Erörterungen erklärte Minister Safonow, daß gegen die Besitzergreifung der Meerengen sowohl Griechenland wie auch Bulgarien auftreten könnten, daß ferner mit einer Unterstützung Rußlands durch Serbien kaum gerechnet werden könnte, da man nicht voraussetzen könne, daß die russische Aktion gegen die Meerengen außerhalb eines europäischen Krieges unternommen werden könne und unter solchen Umständen Serbien gezwungen sein würde, seine gesamte Macht gegen Oesterreich-Ungarn tatsächlich gegen Rußland auftreten werde, ebenso wenig, daß im Falle eines Zusammenstoßes zwischen dem Dreibunde und Rußland Deutschland und Oesterreich-Ungarn Truppen nach den Meerengen werfen würden.

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