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Frankfurter Zeitung 28.09.1930 : Wider der Überalterung der Primaner

  • -Aktualisiert am

Einschulung um 1930 in der Uckermark: Bis zum Abitur sind es für die meisten Schüler dreizehn Jahre. Bild: Picture-Alliance

Kriegsabitur und übersprungene Schulklassen hätten gezeigt, dass manche Schüler keine dreizehn Jahre zum Abitur brauchen würden – Oberstudiendirektor Ernst Majer-Leonhard warnt in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Zeitung vor einer Rückkehr.

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          Die Abiturienten der höheren Schulen waren vor dem Krieg meist etwa 18 Jahre alt. Binnen kurzem wird das Durchschnittsalter 19 Jahre betragen. Diese Verlängerung der Schulpflicht ist die Folge der Beseitigung dreijähriger Vorschulen und ihre Ersatz durch die vierjährige Grundschule.

          Da jeder Schüler – selbstredend auch die immer weniger werdenden, die das volle Schulgeld zahlen – den Staat viel Geld kostet, liegt hier eine durch nichts zu rechtfertigenden Verteuerung vor, die mit der notwendigen Sparsamkeit auf allen Gebieten nicht in Einklang zu bringen ist.

          Aber auch vom pädagogischen Standpunkt ist die Ueberalterung unserer Primaner nicht zu begrüßen. Es gibt natürlich langsame Geister, denen wir durch dauerndes Ritardando doch noch das Abitur ermöglichen können. Für derartige Sonderfälle ist aber die öffentliche Schule nicht da; bei der Ueberfüllung der Universitätsberufe fragt es sich sogar, ob man ein Interesse daran hat, derartige Schüler zu fördern, anstatt durch erhöhte Anforderungen bei schnellerem Tempo schon frühzeitig eine Elite auszulesen.

          Aufstiegsmöglichkeiten im späteren Leben sind ja immer noch vorhanden. Aber die Ueberalterung des Primaners hat noch ein anderes Bedenken: Wir werden zwangsmäßig dazu verführt, in den Primen schon Universitätsbetrieb einzuführen. Denn dem 19-Jährigen ist es – psychologisch – gleichgültig, ob er die Universität oder die Prima besucht. Will man ihm also gerecht werden, so kommt es in den Primen zu jener gefährlichen „Verfrühung“, die gerade die Universität ablehnt, an der aber nicht die Schule, sondern die Ueberalterung des Primaners schuld ist. Darüber ließe sich noch viel sagen, hier genüge diese Andeutung.

          Schüler, die eine Klasse überspringen, haben es schwer

          Nun hat man zwar für „ganz besonders Begabte“ einen Ausweg zu schaffen versucht, indem man das Ueberspringen einer Klasse genehmigt und – bis zu einem gewissen Grade – empfohlen hat. Von diesem Recht des Ueberspringes wird in den Grundschulklassen nicht selten Gebrauch gemacht. Leider in den meisten Fällen nicht zum Vorteil des Kindes. Der Hauptgrund hierfür liegt m.E. weniger in der oft angeführten Tatsache, daß der „Springer“ in der Sexta nur mit älteren Kindern zusammenkommt; wenn er wirklich besonders begabt ist, wird ihm das nicht schaden. Es fehlen aber dem „Springer“ meist noch erhebliche Teile des durch den Lehrplan auf vier Jahre verteilten Pensums, selbst wenn das Elternhaus privat nachgeholfen hat.

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          Wenn diese Einrichtung des Ueberspringens einer Grundschulklasse weiterhin in dem bestehenden Umfang bleibt, dann sollte man sich spätestens in dem zweiten Grundschuljahr entschließen, durch eine Sonderunterrichtung der auserlesenen Kinder diese binnen Jahresfrist zur Sextareife vorzubereiten.

          Wesentlich seltener ist das Ueberspringen von Klassen in der höheren Schule. Auch hier wird es – namentlich in der Unter- und Mittelstufe – nicht ohne ernste Bedenken abgehen, während es in der Oberstufe vermutlich noch am leichtesten ist. Trotzdem sind diese Fälle zahlenmäßig sicherlich viel geringer als die des Ueberspringens einer Klasse in den vier Grundschuljahren.

          Immerhin beweist das Ueberspringen einer Klasse, daß es durchaus möglich ist, binnen zwölf Jahren zum Abitur zu gelangen. Das war vor dem Krieg bei uns so und ist heute noch so im Ausland. Wir haben wirklich keine Grund, pädagogische Fehler zu machen, die uns dazu noch so viel kosten.

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