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Frankfurter Zeitung 04.10.1929 : Erinnerung an Stresemann

  • Aktualisiert am

Verstarb am 3. Oktober 1929 in Berlin: Gustab Stresemann Bild: Picture-Alliance

Außenminister Gustav Stresemann stirbt am 3. Oktober 1929 an den Folgen eines Schlaganfalles. Sein Tod ist nicht nur ein Verlust für Deutschland – sondern auch für das „neue Europa“. Ein Rückblick auf sein Wirken.

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          Das Hinscheiden Gustav Stresemanns ist plötzlich gekommen, nicht unerwartet. Seit langer Zeit war er ein vom Tode gezeichneter Mann. Im Sommer des vorigen Jahres stand es mit ihm schon sehr schlimm. Er unterzog sich alsdann in Karlsbad einer ziemlich energischen Brunnenkur und ist noch ein Jahr hindurch, freilich immer sehr leidend und häufig bettlägerig, an der Spitze der deutschen Politik tätig gewesen. Die Schwierigkeiten dieses letzten Jahres hätten einen gesünderen Mann erschöpfen können, ihm nahmen sie den Rest einer Kraft weg. Ohne jeden Zweifel hat die Anspannung der letzten Wochen und Tage, der recht verbittert und häßlich gewordene Kampf unter den Reichstagsparteien, den schon Hinschwindenen aufs äußerste belastet und erregt. Die politische Richtung, deren Führer er dem Namen und dem Amte nach war, folgte ihm immer widerwilliger und störrischer, und die Brücke zwischen rechts und links, die er in seiner eigenen Person darstellte, wurde politisch und leider auch körperlich mit jedem Tage morscher. Er war viel mächtiger in Europa als im Fraktionszimmer der Deutschen Volkspartei.

          Ein Verlust für das „neue Europa“

          Europa – wir meinen das in Umrissen sich abzeichnende Wunschbild eines vernünftigen, anständigen und menschlichen Zusammenlebens der am höchsten kultivierten Nationen der Erde, – dieses neue Europa hat viel verloren. Man darf und muß das sagen, obwohl Stresemann kein Europäer der eingeborenen und ursprünglichen Ueberzeugung gewesen ist, sondern sich in reifem Alter unter dem Eindruck und dem Druck der zwingenden allerrealsten Notwendigkeit zur Idee der europäischen Verständigung hindurchgearbeitet hat.

          Aufgewachsen in der kleinbürgerlichen Umgebung des Berlins der ersten kaiserlichen Jahrzehnte, auf der Universität von der burschenschaftlichen Gedankenwelt geprägt, ist er ein gewandter und von den obersten Parteiinstanzen rasch beförderter Verfechter der nationalliberalen Politik geworden, in der der Nationalismus längst den Liberalismus der besseren Zeit aus dem Felde geschlagen hatte. Er erlebte den Weltkrieg im Banne der herrschenden imperialistischen und militaristischen Ideologie und beteiligte sich ganz folgerichtig an der Gründung der Vaterlandspartei des Herrn von Tirpitz. Daß diese seine anfänglichen Ueberzeugungen irgendwann einen ganz scharfen Bruch erlitten hätten, ist uns nicht bekannt und nicht wahrscheinlich. Von der Rasse der aus den tiefsten Antrieben handelnden Bekenner ist er überhaupt nicht gewesen, sondern von jenem Typus, in dem die echt nationalliberale Erwägung der Opportunitäten einen besonders glücklichen, einen beinahe klassischen Ausdruck fand.

          Allmählich, unter der täglichen Wirkung der Ereignisse jenes fürchterlichen halben Jahrzehntes nach dem Kriege, ist in ihm die Einsicht stärker geworden, daß es so, wie die nationalistische Forderung es wollte, mit der Wiederherstellung Deutschlands niemals gehen könne und sein sehr starker praktischer Verstand, seine Erfahrung und Weltkenntnis konnten gerade noch im rechten Augenblicke in den Dienst des Staates, der aus dem Zusammenbruch hervorging, gestellt werden.

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          Man wird Stresemann in der Geschichte in erster Linie wahrscheinlich als den deutschen Staatsmann der großen internationalen Konferenzen und Verträge weiternennen. Uns scheint, daß seine stärkste Leistung in der ersten Zeit seiner Reichskanzlerschaft liegt, als er mit einem wirklich seltenen Mute – denn das Schicksals Erzbergers und Rathenaus hätte ihm sehr wohl beschieden sein können – den Ruhrkampf abbrach und nach der schauerlichen Zerrüttung, die Cuno hinterließ, zuerst wieder so etwas wie eine Reichsregierung und -verwaltung begründete. Sein Glück war, daß er nicht früher in das Ministerium gelangte. Es mußte erst mit Elend und Blut der bösartigste Teil des vom Kriege erzeugten Wahnsinns verrauchen und nicht nur bei uns, sondern auch im Auslande.

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