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Frankfurter Zeitung 31.07.1914 : Wann macht Deutschland mobil?

Bild: Wolfgang Eilmes

Am 31. Juli 1914, dem Vorabend der deutschen Kriegserklärung an Russland, eint eine einzige Frage das Land: Wann erfolgt die Generalmobilmachung? Lesen Sie im Faksimile, wie die „Frankfurter Zeitung“ über den Beginn des Ersten Weltkriegs berichtete.

          Die Situation.

          Berlin, 30. Juli. (Priv.-Tel.)
          In einer Spannung, die sich immer weiterer Kreise des Volkes bemächtigt und unter der nachgerade auch gute Nerven leiden, wartet man auch jetzt noch auf die Entscheidung, die unmöglich mehr lange ausbleiben kann. Die Entscheidung über die Mobilmachung des deutschen Heeres, und zwar des ganzen deutschen Heeres. Denn, was gegenüber einzelnen irrigen Nachrichten bemerkt sein mag: eine teilweise Mobilisierung wie in anderen Staaten gibt es bei uns nicht. Sie ist durch die militärisch-politische Situation, wie sie die im Gange befindlichen russischen Rüstungen und die bereits einsetzenden französischen geschaffen haben, und durch unsere geografische Lage ausgeschlossen. Bis zu dieser Stunde ist die Mobilisierung noch nicht befohlen.

          Es hat sich bis jetzt an der Situation, wie wir sie im Abendblatt kurz geschildert haben, noch nichts geändert. In der gestrigen Beratung des Kaisers mit dem Reichskanzler, dem Staatssekretär des Auswärtigen, dem Generalstabschef und dem Admiralstabschef der Marine und dem Kriegsminister ist die Entscheidung über die Mobilisation noch gesetzt worden, weil noch nicht alle diplomatischen Möglichkeiten einer Vermittlung erschöpft scheinen und weil die für die Politik des Reiches verantwortlichen Stellen auch die letzte schwache Möglichkeit nicht unversucht lassen wollen. Es handelt sich dabei, wie wir vermuten, um einen letzten Versuch zwischen Wien und Petersburg, und der Erfolg hängt ab von Antworten, die von dort noch ausstehen, auf die man aber, offen gesagt, je länger sie ausstehen, desto geringere Hoffnungen setzt.

          Es wird in ernster Zeit, in der Wohl und Wehe des Reiches vielleicht binnen kurzem nicht von der Gerechtigkeit unserer Sache, sondern von der Schlagfertigkeit und Stärke der Bataillone abhängen werden, doch ein stärkendes Bewußtsein sein, daß die Leiter des Deutschen Reiches bis zuletzt nichts unversucht gelassen haben, das Unheil eines europäischen Krieges zu verhüten, und daß sie dabei eine Ruhe und Kaltblütigkeit betätigten, die ihnen in einzelnen Berliner Blättern bereits anklagend zum Vorwurf einer Vernachlässigung unserer militärischen Sicherheit und einer Preisgabe des Vorteils unserer schnellen Mobilisierung gemacht wird.

          Versagt, wie leider befürchtet werden muß, der letzte Versuch zu einer Lokalisierung des österreichisch-serbischen Krieges, dann wird sofort die solange hinausgeschobene Mobilisierung der deutschen Armee erfolgen, und dann werden voraussichtlich, was bis jetzt nicht geschehen ist, die entscheidenden Fragen in Petersburg und – so darf man wohl annehmen – auch in Paris gestellt werden. Und wenn dann nicht noch im letzten Augenblick etwas Unerwartetes geschieht, ist der Krieg da, dieser Krieg von ungeheuerlicher Ausdehnung, den niemand weniger gewollt hat und will als Deutschland, und in den daher niemand mit so gutem Gewissen geht wie dieses.

          Gerüchte vom Zusammentritt des Bundesrats sind verbreitet, die Einberufung des Reichstages wird in einzelnen Blättern verlangt. Zur Erklärung des Krieges, falls es dazu kommen sollte, und falls sie nicht durch Angriffe auf unsere Grenzen überholt wird, ist die Zustimmung des Bundesrats erforderlich, und die wird natürlich erfolgen, wir nehmen an, sobald es zur Mobilmachung kommt. Der Reichstag wirkt bei einer Kriegserklärung nicht mit. Er bräuchte erst Einberufen zu werden, wenn die Regierung etwas von ihm zu verlangen hat: Geldbewilligungen, Vollmachten und dergleichen, wie sie beim Beginn eines Krieges notwendig sind. Wir nehmen aber nach dem ganzen politischen Charakter des gegenwärtigen Reichskanzlers ohne weiteres an, daß er den Reichstag zugleich mit dem Bundesrat, oder kurz nach diesem, einberufen wird. Denn, so denken wir, die Regierung hat nicht nötig, irgendwie verstecken zu spielen, und sie wird in einem der ernstesten Augenblicke unseres Volkes das Bedürfnis haben, mit der Volksvertretung zu sprechen und ihre Karten auf den Tisch zu legen, nicht nur im Bundesrat, auch im Reichstag, und zu zeigen, daß sie reine Hände hat. In solchen Augenblicken ist Vertrauen zwischen Regierung und Volksvertretung so viel wert wie ein Heer. Und nach dem Wenigen, was wir über die diplomatischen Vorgänge der letzten Zeit erfahren haben, erwarten wir, daß die Reichsregierung, wenn sie die Akten dieser letzten Wochen vorlegt, von der Volksvertretung das Zeugnis bekommen wird, daß sie bis zum äußersten aufrichtig bemüht gewesen ist, dem Reich und Europa den Frieden zu erhalten. Und wenn in diesem Punkte die Volksvertretung einmütig sein kann, hat das auch einen hohen Wert für die schwere Zeit, der wir aller Voraussicht nach entgegengehen. Nach Stunden bemißt sich die Frist, in der die Entscheidung über die Mobilisierung des deutschen Heeres fallen kann. Millionen sehen gespannt dem nächsten Tage entgegen.

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