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Frankfurter Zeitung 02.12.1914 : Unser Kreuzerkrieg

Überlebende des gesunkenen Schlachtkreuzers Gneisenau nach der Schlacht bei den Falkland-Inseln, im Hintergrund das Schlachtschiff HMS Inflexible am 8. Dezember 1914 Bild: Archiv

Folgen des Kreuzerkrieges sind Versorgungsengpässe bis hin zu ernsten Notständen. Welche Länder vom Kreuzerkrieg besonders betroffen sind berichtet die Frankfurter Zeitung am 2. Dezember 1914.

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          Die Schädigung des feindlichen Seehandels ist die Hauptaufgabe des Kreuzerkrieges. Durch ihn soll das feindliche Land in Not gebracht, sollen ihm seine Hilfsquellen und die Waffenzufuhr möglichst abgeschnitten werden. Dadurch wird zur Niederwerfung des Gegners beigetragen. Mit unseren wenigen Kreuzern, die auf den Weltmeeren schwimmen, läßt sich selbstverständlich der Kreuzerkrieg nur in bescheidenem Maßstab führen, und der Verlust eines einzelnen, so erfolgreichen Kreuzers wie „Emden“ wiegt schwer und erleichtert erheblich die Besorgnisse des Gegners. Sofort nach seiner Vernichtung im indischen Ozean konnte die Prämie für die Kriegsversicherung der nach Ostindien fahrenden Schiffe, wenn die Zeitungsnachrichten zutreffen, auf die Hälfte, nämlich zwei Prozent, ermäßigt werden. Immerhin sind diese zwei Prozent, da sie sich auf ein Vierteljahr beziehen, also in Wirklichkeit acht Prozent ausmachen, noch eine recht beträchtliche und den Verkehr erheblich belastende Prämie.

          Der Kreuzerkrieg wird in der Regel mit einzelnen Kreuzern und mit Hilfskreuzern, d. h. armierten Handelsdampfern mit militärischer Besatzung, geführt. Von den Hilfskreuzern zeichnete sich „Kaiser Wilhelm der Große“ durch das Fortnehmen mehrerer Schiffe und durch sein ritterliches Benehmen gegen den englischen Passagierdampfer „Galician“ aus. Bekanntlich wurde er gleich darauf während des Kohleneinnehmens an der afrikanischen Küste auf neutralem spanischem Gebiet durch den kleinen englischen Kreuzer „Highflyer“ zerstört.

          Der sonstige Kreuzerkrieg ist von den schon vor dem Kriegsausbruch im Auslande stationierten Kreuzern geführt worden. Es waren dies die kleinen Kreuzer „Emden“ (Indischer Ozean), „Karlsruhe“ (Atlantischer Ozean), „Königsberg“ (Indischer Ozean bei Afrika), „Leipzig“, „Nürnberg“ (Stiller Ozean) und die beiden Panzerkreuzer „Scharnhorst“ und „Gneisenau“ (Stiller Ozean). Von diesen Schiffen haben sich als Handelszerstörer „Emden“ und „Karlsruhe“ besonders hervorgetan. „Emden“ hat nach Schätzung einen direkten Materialschaden von 80 Millionen Mark verursacht, während der Schaden durch das Stocken der englischen Schifffahrt und Heraustreiben der Kriegsprämien noch höhere Ziffern ergeben dürfte. Mehr kann von einem Handelszerstörer, der für 6 380 000 Mark in Danzig 1909 gebaut wurde, nicht verlangt werden. Glänzend daneben stehen noch die Vernichtung des russischen Kreuzers „Schemtschug“ und eines französischen Torpedobootes in Pulo Pinang. Die Verluste, die „Karlsruhe“ dem britischen Handel geschlagen hat, dürften die der „Emden“ noch übertreffen. Infolge seiner hohen Geschwindigkeit konnte der Kreuzer „Karlsruhe“ bisher seinen zahlreichen Verfolgern trotzen. Der kleine Kreuzer „Königsberg“, der jetzt im Rusidschi-Fluß (Deutsch-Ostafrika) durch einen dort versenkten Dampfer für die Dauer des Krieges unschädlich gemacht worden ist, hat durch Vernichtung des englischen Kreuzers „Pegasus“ und einiger Handelsschiffe gleichfalls Gutes geleistet.

          Auch „Dresden“, „Leipzig“, „Nürnberg“ und die beiden Panzerkreuzer „Scharnhorst“ und „Gneisenau“, die kürzlich als Geschwader unter dem Vize-Admiral Graf Spee vereinigt, einem englischen Geschwader aus zwei Panzerkreuzern, einem kleinen Kreuzer und einem Hilfskreuzer ein siegreiches Gefecht lieferten, bei dem die Panzerkreuzer „Good Hope“ und „Monmouth“ vernichtet wurden, haben Handelsschiffe unserer Gegner versenkt, aber, soweit bisher bekannt, nicht in bedeutender Zahl. Der große Nutzen dieses Sieges, der das Ansehen der britischen Seemacht empfindlich geschädigt und zwei unsere Kreuzer bedrohende Gegner vernichtet hat, steht außer Frage. Natürlich können aber die kleinen Kreuzer, wenn sie zu einem Geschwader vereinigt sind, nicht so ausgiebig als Handelszerstörer wirken, als wenn sie allein und selbstständig handeln. Der weitere Verlauf des Krieges wird weiter klarlegen, ob eine Trennung oder ein Zusammenhalten der Kreuzer uns mehr Vorteil bringt.

          Panzerkreuzer sind zweifellos widerstandsfähiger gegen Verfolger als kleine Kreuzer, aber sie sind auch weit kostbarer, haben bedeutend größere Besatzungen, brauchen sehr erhebliche Mengen von Kohlen und Schmiermaterial für die Maschinen, entsprechend mehr Lebensmittel usw., die sie nicht von jedem aufgebrachten Dampfer decken können. Als Handelszerstörer leistet das große Schiff nicht mehr als der kleine Kreuzer, aber es kann diese Tätigkeit vielleicht länger fortsetzen, ohne mit einem überlegenen Gegner zusammengetroffen zu sein. Jedenfalls zeigen „Emden“ und „Karlsruhe“ bereits, daß trotz aller Verfolger unsere wagemutigen kleinen Kreuzer sehr viel leisten können, viel mehr im Handelskriege, als bisher gedacht wurde. Schade, daß nicht erheblich mehr von ihnen auf den Weltmeeren schwimmen!

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