https://www.faz.net/-gpf-7vw95

Frankfurter Zeitung 16.11.1914 : Sunniten und Schiiten

Bild: Eilmes, Wolfgang

Im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert spaltete sich die muslimische Glaubensgemeinschaft in Sunniten und Schiiten. Die Frankfurter Zeitung berichtet am 16. November 1914 über die Entstehung beider Lager.

          3 Min.

          Der Heilige Krieg ist nicht nur durch den Sultan und Khalifen in Stambul verkündet worden, sondern fast zur gleichen Zeit auch von den Ulemas von Kerbela und Redschef, den beiden wichtigsten Wallfahrtsorten der schiitischen Mohammedaner. Um die Moscheen, deren Klerus die „Fetwas“ erlassen hat, die alle Schiiten zum Kampfe gegen England, Rußland und Frankreich rufen, breiten sich endlose Totenfelder, da jeder Schiite strebt, seine Leich oder die seiner Angehörigen hier bestatten zu lassen. Lange Karawanen bringen regemäßig die Leichen ins Zweiströmeland hinunter aus den Hochtälern Persiens. Denn dort, im alten Iran, ist der eigenltiche Sitz des Schiismus, der die augenfälligste Spaltung von Islam der großen Mehrheit der Mohammedaner bedeutet.

          Er geht nicht, wie etwa der deutsche Protestantismus, auf eine dogmatische Revolution innerhalb der Kirche zurück, sondern entstammt einer Spaltung, wde fast schon in der muselmanischen Urgemeinde vorhanden war. Nach dem Tode Mohammeds war das Recht der Nachfolge nicht unbestritten – nur durch Gewalt gelang es Abu Bakr, zum Khalifen ausgerufen zu werden. Ein Teil der Gläubigen anerkannte weder ihn noch seine ersten Nachfolger Omar und Othman; erst der vierte Khalife, Ali ibn Abi Talib, der nach einer Ueberlieferung von Mohammed selber zum Nachfolger bestimmt worden war, fand allgemeine Anerkennung. Er wurde aber schon nach fünf Jahren ermordet; seine Söhne fanden im Kampfe gegen die Dynastie der Omajjaden den Heldentod, zuletzt Husein, der 680 auf der Ebene von Kerbela fiel, wo die ihm geweihte Moschee steht. Sein Name ist der Mittelpunkt der höchsten religiösen Feier der Schiiten geblieben. Sie trennten sich von diesem Ereignis an vollständig von den Sunniten, sodaß bald auch die Lehre der beiden Gemeinden eine ganz verschiedene Entwicklung durchmachte.

          Ursprünglich waren die Sunniten diejenigen, die für ein Wahlkhalifat eintraten, die Schiiten aber die Vertreter des Legitimitätsgesetzes. Dies trat bald in den Hintergrund. Die Sunniten bildeten unter der Herrschaft mehrerer Khalifendynastien eine trotz mannigfachster Verschiedenheiten im wesentlichen doch einheitliche Religion heraus, den Islam in der Form, wie ihn das Abendland meist kennen lernt. Die Schiiten ermangelten fast immer einer einheitlichen Leitung, spalteten sich früh in zahllose Sekten und sind auch heut noch keineswegs so einheitlich diszipliniert wie die türkischen, arabischen, indischen und chinesischen Muselmanen, die alle den Sultan des Khalifen verehren. Zwar anerkennen grundsätlich die Schiiten nicht nur den Koran, sondern auch die Sunna, die durch Ueberlieferung überkommenen Lehren und Riten, aber mit einigen Abweichungen, da ihrer Lehre zufolge die drei heiligen Schriften des Islam zum eigenen Vorteil verfälscht haben. Nur diejenigen Stellen, die sich auf die Autorität von Familienangehörigen des Propheten stützen, werden auch von den Schiiten anerkannt. Im gottesdienstlichen Ritual und im Familienrecht der Schiiten finden sich daher einige, freilich nur wenig wesentliche Abweichungen gegenüber dem, was bei den Sunniten gilt. Viel wichtiger wurde aber bald die dogmatische Ausbildung der Lehre vom Imamate. Als Imam (Lehrer) wird von den Schiiten der Khalif, der Nachfolger und Stellvertreter Mohammeds bezeichnet. Es kam bald zur Legendenbildung. Ein unsichtbarer Imam sollte die Geschichte der Welt lenken, um endlich als Mahdi sichtbar zu werden. Als persönliche Unsterblichkeit war eine weitere Ausbildung dieser Lehre, die in einigen schiitischen Sekten zur völligen Vergötterung von Menschen führte. Seit 1512 wurde der Schiismus zur Staatsreligion des persischen Reiches, wo fast von Anfang an sein ausschließliches Verbreitungsgebiet war.

          Zwischen den beiden Hauptrichtungen des Islam bildete sich natürlich ein scharfer Gegensatz heraus, der in der politischen Geschichte des Orients immer wieder wirksam wurde. Erst die Bedrohung der ganzen islamistischen Welt durch die Ausbreitung des englischen, des französischen und des russisch-asiatischen Kolonialreiches, die kaum mehr für selbstständige mohammedanische Staaten Raum übrig ließen, milderte diese Gegensätze. In den letzten Jahren führte die Bedrohung Persiens durch Rußland zu einer fühlbaren Annäherung von Sunniten und Schiiten, sodaß im letzten Sommer das früher Unerhörte geschah, daß ein türkischer Erfolg in Persien gefeiert werden konnte. Die Wiedereinnahme von Adrianopel durch Enver Pascha ist in Persien mit offenem Jubel, mit größerer Begeisterung sogar als in der Türkei begrüßt worden. Die Ulemas der heiligen Stätten des Schiismus besiegeln jetzt diesen Ausgleich uralter Gegensätze, indem sie gemeinsam mit dem Khalifen, den sie nur als weltlichen Herrscher anerkennen, den Heiligen Krieg verkünden, der damit für alle Gläubigen des arabischen Propheten zur Pflicht wird.

          Weitere Themen

          Junge Linke gegen alte Linke

          Identitätspolitik : Junge Linke gegen alte Linke

          Was alte Linke über Minderheiten sagen, finden junge Linke rassistisch. Und was die Jungen sagen, galt bei den Alten früher als Vorstufe des Faschismus. Es geht ein tiefer Riss durch das linke Lager.

          Jusos wählen neuen Chef im Herbst Video-Seite öffnen

          Kühnert gibt Vorsitz ab : Jusos wählen neuen Chef im Herbst

          Juso-Chef Kevin Kühnert will sein Amt an der Spitze der SPD-Jugendorganisation im November vorzeitig aufgeben: Der Vizeparteichef will bei der Wahl im kommenden Jahr für den Bundestag kandidieren.

          Topmeldungen

          Identitätspolitik : Junge Linke gegen alte Linke

          Was alte Linke über Minderheiten sagen, finden junge Linke rassistisch. Und was die Jungen sagen, galt bei den Alten früher als Vorstufe des Faschismus. Es geht ein tiefer Riss durch das linke Lager.

          Juan Carlos verlässt Spanien : Felipe und der lange Schatten des Vaters

          Mit seinem freiwilligen Auszug aus dem Zarzuela-Palast zieht Juan Carlos die Konsequenzen aus andauernden Korruptionsvorwürfen gegen ihn. König Felipes Kampf um die Zukunft der spanischen Monarchie ist damit noch nicht zu Ende.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.