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Frankfurter Zeitung 03.02.1916 : Mit dem ersten Balkanzug von Berlin nach Konstantinopel

Berliner Haupthalle Anhalterbahnhof um 1900 Bild: Picture-Alliance

In nur zweieinhalb Tagen von Berlin über Budapest, Belgrad und Sofia nach Konstantinopel. Von der ersten Fahrt des Balkanzuges berichtet die Frankfurter Zeitung am 3. Februar 1916.

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          Der Ausfall aus der belagerten Festung ist gelungen. Wir fahren wieder in die Welt hinaus. Sitzen zwei und einen halben Tag im gleichen Zug, der durch eigenes und durch verbündetes Land tausend Kilometer fährt, ohne ein Hindernis zu finden, wir queren vier Grenzen, ohne mehr zu erleiden als die auch im Frieden nötigen Formalitäten, haben unser Gepäck am heimatlichen Bahnhof aufgeben dürfen und bekommen es wohlbewahrt und versiegelt in Konstantinopel ausgeliefert. Das alles sind Tatsachen, deren Erwähnung vor anderthalb Jahren fast komisch gewirkt hätte, die aber heute durch die dazwischen liegenden Geschehnisse ein Ereignis von überragender Bedeutung bilden.

          Vorläufig führt der Zug zwei Klassen. Die zweite, die nur einen halben Wagen ohne Schlafgelegenheit einnimmt, ist wohl zunächst nur für den Streckenverkehr berechnet. In der den ganzen übrigen Zug einnehmenden ersten Klasse – hoffentlich auch nur provisorisch, wenn auch aus den jetzigen Umständen verständlich – zweischläfrige Abteile. Es scheint ein Märchen, daß man ohne andere als die fahrplanmäßigen Unterbrechungen mit Schlaf- und Nahrungsmöglichkeiten zwei und einen halben Tag durch die Lande fernen Zielen zufährt. Durch Deutschland und die österreichisch-ungarische Monarchie ist es wie eine Siegesfahrt. Ueberall Fahnen, Schulkinder, die sich eines freien Tages freuen, jubelnde Zurufe. In der zwölften Stunde des ersten Tages ist Budapest erreicht. Auch hier noch lebhafte Begrüßung.

          Der Bahnsteig bunt wie ein Boulevard. Man bestaunt den Zug wie die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Man möchte sichtbare Spuren seiner Einzigartigkeit sehen. Pflichteifrige Kollegen der dortigen Presse interviewen. Die Ausbeute ist mager, denn die Sensation besteht allein in dem Ausbleiben sensationeller Zwischenfälle. Daß alles so verlief, wie es immer verlaufen ist, tiefere Weisheit kann auch das lüsternste Ohr nicht erhaschen. Nur symbolisch haben die Dinge Bedeutung. Auch wir Insassen dieses ersten Zuges sind ja nur als Repräsentanten der Idee, sozusagen als Füllsel von einigem publizistischen Wert, an sich (ohne den Mittreisenden damit zu nahe treten zu wollen) völlig harmlose Erdbewohner, und nur weil wir diesen ersten Zug, dem alle Huldigungen gelten, benutzen, sind wir sozusagen mit der Unsterblichkeit verschwägert.

          Bei Morgengrauen wird die Save gequert. Wem das Schicksal einen gewissenhaften und schaulustigen Abteilgenossen beschert hat, der kommt um seinen Morgenschlaf, darf aber dafür den Anblick des erwachenden Belgrad genießen und den historischen Moment des Eintritts in erobertes Land. Von den Zerstörungen des Krieges ist wenig zu sehen. Die Stationen sind militärisch besetzt, auch auf der Strecke sind hier und da Wachtposten, ein buntes Gemisch von Typen und Uniformen aus dem Bereiche der Mittelmächte. Manchmal werden zur Seite der Bahn bei exponierten Stellen kleine Schützengräben und Verschanzungen sichtbar. Die kleinen, schmutzigen Dörfer liegen öde zwischen den geernteten Maisfeldern. Sie scheinen im wesentlichen unversehrt zu sein, doch sieht man nur selten Bewohner, und ebenso selten steigt ein dünner Rauchfaden aus den armseligen Hütten.

          Die Straßen sind schlammig und pfützenreich und verschmelzen mit dem gelben Land, durch das sie führen. Gelb und träge fließt die Moldava. Ein Stück einer gesprengten Brücke fällt wie eine Wasserrutschbahn vom erhöhten Ufer zum Fluß hinab. In wenigen Stunden ist Nisch erreicht. Hier geht es lebhafter zu als auf den Stationen vorher. Denn nach Süden zweigt hier die Saloniker Strecke ab. Truppen werden verladen. Ein Zuruf. Der suchende Blick entdeckt schnell, woher er kam. „Sie hier, welch Zufall! Wohin geht die Fahrt?“ – „Nach Süden.“ – „Glück auf den Weg!“ – Andere treten heran. „Habt Ihr Zeitungen mitgebracht?“ – „Hier, nehmt!“ – „Was, erst zwei Tage alt, hurra! Steht was Neues drin? Wir wissen seit Wochen nichts.“ – „Es geht alles gut vorwärts.“ – „Wann gibt´s Frieden?“ – „Wenn die feindlichen Herrschaften dazu bereit sind.“ – „Auch gut, auf Wiedersehen.“

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