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Frankfurter Zeitung 03.02.1916 : Mit dem ersten Balkanzug von Berlin nach Konstantinopel

Bald hinter Nisch verändert sich die Landschaft. Von beiden Seiten schieben sich hohe Felsen heran. Die reißende Nischava hat sich in Jahrhunderttausenden diesen Weg gebahnt, den erst vor Jahrzehnten die Eisenbahn Menschen zugänglich machte. Kein anderer Weg führt durch sie. Dolomitenhaft mit seltsamen Höhlen und phantastischen Steinbildungen steigen silbrig die kahlen Felswände steil hinauf. Kaum eine Spur von Pflanzenleben. Am Eingang der Schlucht hatte, soweit flüchtige Beobachtung es erkennen läßt, der zerstörende Gang des Krieges einige nachhaltige Spuren zurückgelassen. Aber es gibt anscheinend keine unlösbaren Aufgaben mehr. Die Strecke ist ein wenig umgelegt worden, man sieht noch die Reste der alten Trasse, ein paar Sprengungen haben helfen müssen, ein paar gemauerte Dämme wurden aufgeführt, ein paar Ueberführungen gebaut – man glaubt im Vorbeifahren die Arbeit von vielen Monaten vor sich zu sehen, und es sind doch nur Improvisationen weniger Wochen.

Der zweite Abend senkt sich. Die Stationen tragen Namen, die noch unverhallt in den Ohren klingen, als Verkünder bulgarischen Heldentums. Bela Palanka. Und bald darauf: Pirot, die serbische Grenzfeste. Bei Zaribrod beginnt bulgarisches Territorium. Der Unterschied ist selbst bei so eiliger Durchfahrt auffällig. Man ist trotz der östlichen Fahrtrichtung mit einem Male wieder dem Westen nähergerückt. Man spürt dem deutschen Wesen verwandte Kategorien: Sauberkeit, Ordnung, Wirtschaft. Am Abend wird Sofia erreicht. Auch hier freudigste Begrüßungs-Ovationen.

Weiter die Fahrt. Am nächsten Morgen fahren wir längs der Maritza, die wirklich hier und da, wie es das Lied verlangt, schäumt. Gegen Mittag ist die neue türkische Grenze bei Adrianopel erreicht. Die Berge rücken in die Ferne. Weit dehnt sich ödes hügeliges Land mit kümmerlichem Eichengestrüpp, welkes Laub tragend. Die lang gestreckten Ansiedelungen kleben mit ihren von der Genügsamkeit der Bewohner zeugenden armseligen Erdhütten an der Südseite der Hügelabhängigen. Nichts mehr gemahnt an westliches Dasein. Am Nachmittag steigt der Zug in großen Windungen die berühmte Tschataldscha-Höhe hinan, deren langgezogene Kette mit vorgelagertem Sumpfgebiet sich auch dem Laien als unübertreffliche Verteidigungslinie kennzeichnet.

An Verschanzungen vorbei, über schmale Abzugsgräben, die das Wasser in die Sumpfebene hinableiteten, ist die Höhe bald erreicht, die die europäische Türkei vor dem Untergange bewahrte. Von Süden her öffnet sich die weite Wasserfläche des Strandsees von Büjuk Tschekmedsche, bis an den sich die Verteidigungslinie hinzog. Zum letzten Mal senkt sich die Dämmerung. An den kleinen Stationen wird der Jubel immer lebhafter. Die Vororte von Konstantinopel werden durchfahren. Musikbanden spielen, Fahnen wehen, lautes Klatschen und Rufen begrüßt den eiligen Zug. An einem der Vororte, dem historischen St. Stefano, ein kurzer Aufenthalt. Eine Deputation von türkischen Regierungs- und Pressevertretern empfängt die Reisenden neben dem kleinen Bahnhofsgebäude beim matten Glanze einiger spärlicher Lichter.

Kurze Begrüßungsreden mit herzlichen, bundesbrüderlichen Versicherungen, die den historischen Moment des ersten Balkanzuges, des Symbols der direkten, dauernden, unbestrittenen Verbindung der Mittelmächte, feiern. Schnell zum Zuge zurück. Bald darauf fährt er mit fahrplanmäßiger Pünktlichkeit in die Hauptstation von Konstantinopel unter dem jubelnden Rufen der erwartungsvollen Menge ein. Wenige Minuten vorher war die erste Nachricht von der bedingungslosen Unterwerfung Montenegros verbreitet worden. So unterstrich der liebeswürdige Zufall des Weltgeschehens das Eintreffen des Zuges, indem er gleichzeitig die erste Bresche offenbarte, die das einmütige Zusammenwirken der Mittelmächte von Berlin bis Konstantinopel in die mächtige Koalition ihrer Gegner geschlagen hatte.

H. S.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 07. Februar 2016.

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