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Frankfurter Zeitung 25.05.1915 : Italien greift in den Krieg ein

Portrait des italienischen Politikers Antoio Salandra. Gezeichnet von Tancredi Scarpelli Bild: Picture-Alliance

„Italien will den Krieg, es wird ihn mit all seinen Furchtbarkeiten haben“ schreibt die Frankfurter Zeitung am 25. Mai 1915. Zuvor hatte Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt.

          7 Min.

          Die Ueberreichung der Kriegserklärung.

          Wien, 23. Mai (W. T. B. Nichtamtlich.)

          Der italienische Botschafter überreichte dem Minister des Aeußern die Erklärung, daß sich Italien von morgen ab als im Kriegszustand mit Oesterreich-Ungarn befindlich betrachtet.

          Die Komödianten des neuen Italien haben die von der Schaubühne der griechischen Antike geschaffene Ordnung umgekehrt: Das widerwärtige Satyrspiel, mit dem Salandra, Sonnio und ihr armseliger Anhang die Gesetze der Redlichkeit und des Anstandes zum Schweigen zu bringen suchten, ist zu Ende, die Tragödie beginnt: Italien, das dreiunddreißig Jahre hindurch mit Deutschland und Oesterriech-Ungarn durch ein von einem seiner bedeutendsten Staatsmänner, Francesco Crispi, geschlossenes Bündnis verknüpft war, hat diesen Bund treulos gebrochen und hat seinen bisherigen Bundesgenossen den Krieg erklärt, und obwohl das wahrhaftig kein Grund zur Freude ist, so atmet man doch auf, daß nun endlich der trübe Dunst, mit dem Lüge und Größenwahn Rom und die Welt erfüllten, einer wenn auch furchtbaren Klarheit Platz gemacht haben: Italien will den Krieg, es wird ihn mit all seinen Furchtbarkeiten haben.

          Wir sind durch die zehn Monate des Krieges, in denen Italien von der angeblich wohlwollenden Neutralität sich bis zum unverhüllten Treubruch hindurchgearbeitet hat, durch den jetzt eine abenteuersüchtige, gewissenlose Regierung ihren Ehrgeiz und ein Schar überspannter, hohlköpfiger Schreier ihre nationalistische Eitelkeit zu befriedigen suchen, einigermaßen abgestumpft gegen die Betätigungen italienischer Politik. Wir haben auf die Gefühle des ehemaligen Bundesgenossen, früher schon und während dieses Krieges ein Maß von Rücksicht genommen, das alles vermied, was die sich aufgeregt gebärdenden und nach Vorwänden zum Abfall suchenden Herren in Rom und Mailand erbittern konnte. Heute aber kann und muß man es doch sagen: Italiens Treuebruch ist bereits in dem Augenblick begangen worden, da die italienischen Staatsmänner herausfanden, daß der Dreibundvertrag, der niemals veröffentlicht worden ist, Italien nicht die Pflicht auferlege, sich in diesem Kriege an die Seite derjenigen zu stellen, mit denen es ein Dritteljahrhundert zu seinem Nachteil verbündet war.

          Gewiß, es war von den Regierungen der Zentralmächte sehr wenig vorsichtig, und es bewies nicht viel diplomatisches Geschick, daß man den Krieg über sich kommen ließ, ohne vorher ganz genau der Stellung des dritten Bundesgenossen, an dessen Zuverlässigkeit man seit der Algeciraskonferenz starke Zweifel hegen mußte, sich vergewissert zu haben. Aber für diesen Bundesgenossen selbst ist das keine Rechtfertigung. Mag immerhin der Druck Englands und die üble Lage, in die Italien infolge seiner Küstenentwicklung durch seine Teilnahme am Kriege als Mitglied des Dreibundes gekommen wäre, für seine Neutralität als Entschuldigung angeführt werden, das kann die Tatsache nicht verdunkeln, daß Italiens Politik von Anfang an eine auch von Italienern empfundene Verletzung der Bundespflichten war, zu der sich nachher das Bestreben gesellte, die Lage des Nachbars und Bundesgenossen in einer Erpressung zu benutzen. Als im August vorigen Jahres Japan seinen Raubzug gegen unsere Kolonie Tsingtau unternahm, da hat man das bei uns als den Streich eines tückischen Asiatenvolkes angesehen. Aber Japan hatte Deutschland gegenüber keine Verpflichtungen, und es befand sich mit unserem Feinde England im Bunde. Das, was die kleinen Erben des großen Römervolkes heute tun, steht auf einer sehr viel tieferen Stufe politischer Moral als das Verhalten jener gelben Söhne des fernen Ostens. Aber die Ursache ist etwa die gleiche.

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