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Frankfurter Zeitung 25.05.1915 : Italien greift in den Krieg ein

Die italienischen Minister und Kriegshetzer meinen, eine Gelegenheit zu sehen, um einen großen Raub ohne große Gefahr heimbringen zu können. Aber sie werden sich täuschen, wenn sie meinen, Oesterreich-Ungarn könne von ihnen mit Leichtigkeit überrannt werden. Die inneren Zustände der Donaumonarchie mögen freilich solche Illusionen genährt haben, aber Italien sollte aus seiner eigenen Vergangenheit wissen, daß dieses alte Staatswesen trotz aller Mängel, die ihm anhaften, eine sehr starke Lebenskraft besitzt, und es ist wahrhaftig nicht Italiens eigene Stärke gewesen, die ihm trotz seiner Niederlagen bei Novara, Custozza, Lissa die Gewinnung großer Gebiete von Oesterreich ermöglicht hat.

Was die Salandra und Sonnino ihr Land in den blutigsten Krieg hineintreiben läßt, den Italien je zu bestehen hatte, ist unbegreiflich nach den großen Zugeständnissen, die ihm Oesterreich-Ungarn angeboten hat. Gewissenhafte Staatsmänner würden nach solchen Angeboten ihrem Lande den Frieden erhalten haben. Aber wer kann wissen, welches die letzten Triebfedern der Entschlüsse der kleinen Nachfahren der Cavour und Crispi sind? Das Blut von Hunderttausenden und der Ruf der politischen Redlichkeit ihres Staates gilt ihnen nichts. In wahnsinnigem Uebermut rennen sie in diesen Krieg, und der schwache König, der wohl aus der Furcht vor dem Verlust seines wankenden Thrones sie gewähren läßt, hat rasch alle die Beteuerungen vergessen, in denen er ehemals seinen Bundesgenossen seine Freundschaft und Treue versicherte. Italien, dessen Neutralität schon während des ganzen Krieges so beschaffen war, daß Frankreich seine sämtlichen Truppen von der Südostgrenze hinwegziehen und gegen Deutschland stellen konnte, während sein Bundesgenosse Oesterreich-Ungarn einen Teil seines Heeres als Schutz an der italienischen Grenze stehen lassen mußte, ist nun zum offenen Verräter geworden.

Aber sein Verrat kommt nicht mehr unerwartet, und Deutschland und Oesterreich-Ungarn werden ihn abzuwehren wissen. So furchtbar der Gedanke ist, daß ein blühendes Land durch die Gewissenlosigkeit eine Klüngels von Abenteuern in das Verderben gestürzt wird und viele Tausende wackerer Menschen um dieser Verräterei willen Blut und Leben werden lassen müssen, so gehen wir doch siegesgewiß und mit dem Bewußtsein in diesen neuen Kampf, für die Sache der Ehrlichkeit und des politischen Anstandes zu kämpfen.
Einen Treuebruch, dessengleichen die Geschichte nicht kennt, hat der greise Monarch des uns verbündeten Habsburgerreichs in dem Aufruf an seine Völker die Kriegserklärung des Königs von Italien genannt. Das Urteil, das in seiner Prägung an die Form erinnert, in der unser großer Dichter eine der auf der Bühne handelnden Personen den Verrat Wallensteins am Kaiser kennzeichnen läßt, ist hart, aber niemand wird es ungerecht schelten können.

Es entspringt dem ehrlichen Zorne dessen, der auch in den Beziehungen der Staaten und Völker, obwohl man diese nicht nach den Gesetzen der biblischen Ethik zu beurteilen pflegt, ein bescheidenes Maß von Wohlanständigkeit und Ehre nicht vermissen will. Das Manifest wird sicherlich bei den Völkern Oesterreich-Ungarns, den Deutschen, den Ungarn, den Slawen, und wahrscheinlich sogar von dem Großteil der italienisch sprechenden Bevölkerung, soweit sie nicht von der Irredenta erfaßt ist, leidenschaftlichen Widerhall wecken. Die Gründe, aus denen die italienische Regierung den Krieg an seinen bisherigen Bundesgenossen erklärt, haben mit den Pflichten des Bundesverhältnisses nichts zu tun. Darum hat sie den Krieg erklärt, ohne einen andern Grund anzuführen als die verlogenen und klischeehaften Phrasen von der „Wahrung der italienischen Interessen und Rechte“, die wahrhaftig in den Angeboten Oesterreich-Ungarns in einem sehr weitgehenden Maße berücksichtig worden sind und von der „Pflicht, gegen jede gegenwärtige und zukünftige Bedrohung zum Zwecke der Erfüllung der nationalen Aspirationen jene Maßnahmen zu ergreifen, die ihr die Ereignissen auferlegen“.

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