https://www.faz.net/-gpf-7vc2f

Frankfurter Zeitung 25.10.1914 : Haß

Bild: Picture-Alliance

Deutschland – im Fadenkreuz internationalen Hasses? Die Frankfurter Zeitung bewertet am 25. Oktober 1914 die internationale Stimmungslage gegenüber dem Kaiserreich.

          In dieser Zeit da die apokalyptischen Reiter auf roten und schwarzen Rossen über unsere Erde hinbrausen, erleben wir mancherlei Offenbarungen. Wir haben in elf Wochen des Krieges mehr über uns selbst und die Welt erfahren als eine ganze Lebenszeit uns gelehrt hatte. Wir wußten vorher nicht, wir Deutsche, daß wir als Volk eine so fest geschlossene Einheit seien, wie es keine andere gibt. In vielen verdrossenen Friedensjahren waren uns die trennenden Linien zwischen den Stämmen und Ständen der Nation oft wie gefährliche Risse vorgekommen, die den Volksleib schwach und wund zu machen schienen. Alles das ist von uns abgefallen und vor unseren Augen steht die Vision eines geharnischten Riesen, von dessen Gliedern jeder Muskel und jeder Nerv freiwillig und verständnisvoll dem führenden Willen gehorcht.

          Diese Offenbarung der Kraft, Einheit und Größe wird im Frieden nicht verloren gehen. Oben und unten werden alle Streitfragen, alle Mißverständnisse ein anderes Aussehen annehmen, denn man hat sich, und jeder hat, in dieser furchtbaren Zeit die Treue gehalten. Es muß und wird die Stimmung der Tage einer ungeheuren Einigkeit gegen eine zu unserm Untergange verschworene Welt, dieses Gefühl „Und wenn die Welt voll Teufel wär´ und wollt´ uns gar verschlingen“ Deutschland zusammenbinden und unserem Volke auf seinem Lebenswege, der immer schwer sein wird, wie ein tröstlicher Stern voranleuchten.

          Aber auch eine andere Offenbarung, die weniger freudig stimmt und der wir dennoch fest ins Auge sehen müssen, haben wir in dieser Zeit erhalten. Zum ersten Male ist es uns jetzt zum Bewußtsein gekommen, wie tief und bitter in der Welt der Haß auf Deutschland und alles Deutsche ist, nicht bloß bei den Feinden, sondern weit darüber hinaus. Es hilft zu gar nichts, diese Tatsachen nicht sehen zu wollen, man muß sie verstehen lernen. Auch bei uns ist gegen Frankreich, England, Rußland in den letzten Monaten viel des Zornes laut geworden, auch manches Wort dabei, das in ruhiger Zeit abgewiesen werden würde. Mancher, der sich kürzlich als geschäftiger Kosmopolit bemerkbar machte, tut sich jetzt durch die Feindschaft gegen alles Fremde hervor und wir bewundern die Art des Patriotismus nicht, die einen Theaterdirektor antreibt, sich erst durch eine Umfrage bei Ministern und Professoren die Gewißheit zu verschaffen, daß er wirklich den Shakespeare noch spielen dürfe.

          Allein – was sind diese Entgleisungen, verglichen mit dem wahrhaft infernalischen Haß, den die französische Geisteswelt gegen Deutschland an den Tag legt? Vor einigen Tagen veröffentliche der Dichter Jean Richepin, Mitglied der Akademie, in einer Pariser Zeitung einen Aufsatz, der als ein Denkmal französischer Art erhalten zu bleiben verdiente. Er dichtet den Deutschen die Empfindungen eines Hasses an, dessen das edle französische Gemüt von Natur gänzlich unfähig sei, „einen bestialischen und irrsinnigen Haß, der die deutsche Seele aufschwellen macht in der Weise eines schauderhaften Abszesses, aus dem alle Jauche der entsetzlichsten Verworfenheit hervorkommen …

          Wir aber sind von zu alter und zu edler Zivilisation, um jemals wieder die reißenden Tiere zu werden, die sie sind, im Rückgange zu den vorgeschichtlichen Epochen, wo der künftige Mensch, noch im Zustande des Caliban, sich in voller Tierheit im Kote wälzte …“ Wir verlängern die Anführung aus den Worten des französischen Schriftstellers nicht; sie erinnern an das Gestammel des Wahnsinns. Ueberflüssig zu sagen, daß Herr Richepin sich auf von den Deutschen begangene Grausamkeiten „stützt“; so sollen unsere Truppen aus einer Landschaft Frankreichs 4000 junge Leute im Alter von fünfzehn bis siebzehn Jahren weggeführt und ihnen, um sie zum Kriege untauglich zu machen, den rechten Daumen abgehackt haben. Man darf dazu sagen, daß ein Volk, das solches Gift braucht, um sich zum Kampfe gegen den Feind narkotisieren zu lassen, reif ist zum Falle. Daß wir „Barbaren“ sind, weiß jeder französische Winkelschreiber; es ist die übliche Bezeichnung für die deutsche Armee geworden. Der Akademiker Paul Bourget weist mit den gelehrten Werken des Historikers Fustel de Coulanges in der Hand die Uebereinstimmng zwischen dem deutschen Einmarsch in Frankreich und den Zügen der Kimbern und Teutonen nach; er erinnert an den physischen und moralischen Ekel, den schon Roms Legionen vor den Barbaren empfanden.

          Der Denker Boutroux findet die Ursachen unserer Verstandesverwirrung in der deutschen Philosophie; denn wir sind sämtlich verrückt und müssen unschädlich gemacht werden. Unsere Kultur ist Schmutz, Lüge. Der Musier Saint-Saens untersucht den Geist der deutschen Musik; er entdeckt ihn in dem Gassenhauer „Viens, Poupoule“, mit dem Paris vn Berlin aus verseucht wurde… In England reden die Leute ähnlich, doch geberdet sich der cant, in den der Haß sich kleidet, hier weniger kulturell und wissenschaftliche als humanitär und liberal. Herr Lloyd George trieft von Entrüstung gegen den Feind aller Freiheit, neben dem Rußland edel und demokratisch erscheint. Der bei uns weit überschätzte Schriftsteller Wells ist beinahe rasend geworden vor Galle. Bernard Shaw, den Deutschland berühmt und reich gemacht hat, geifert über den preußischen Militarismus. Zitieren wir einen politischen Publizisten. Herr A. G. Gardiner, der Herausgeber der freisinnigen „Daily News“, schrieb: „Wir und unsere Verbündeten haben eines zu tun – zusammenzuhalten bis wir den gemeinsamen Feind der Menschheit geschlagen haben. Wir werden das preußische Idol für immer brechen … Deutschland muß die Rechnung zahlen bis auf den letzten Penny.“

          Es würde sich nicht schicken, diese Zeugnisse durch solche aus Ländern zu vermehren, deren Regierungen uns die Neutralität, wohlwollend oder nicht, wahren. Genug aber haben wir gehört und gelesen in den letzten drei Monaten, um zu wissen, daß unser Volk im Kampfe um sein ganzes Dasein sehr wenig echte Freundschaft findet. Warum aber haßt man uns so, daß wir geächtet und aus der Gesellshaft der kultivierten Menschen ausgeschlossen sein sollen? Gewiß, es hat sich mancher Deutsche in vergangenen Jahren durch eine gewisse Ueberheblichkeit mehr der Erscheinung als des Auftretens unbeliebt gemacht. Unseren Oberschichten fehlt die ausgeglichene, unauffällige Weltgewandtheit der gleichen Klassen in England und Frankreich, weil die deutsche Entwicklung jünger und kämpfereicher gewesen ist. Der englische Gentleman aber muß, um ganz Gentleman zu sein, viel Geld haben, selber nicht arbeiten und von Leuten herstammen, die nicht gearbeitet haben. Dieses gut anzusehende Kulturprodukt ist im Kerne eine parasitische Frucht, denn um ihre Farben recht zeigen zu können, muß sie dem Volke das Mark aussaugen, wie sie es seit zweihundert Jahren getan.

          Was man uns nicht verzeihen kann, sind nicht unsere Fehler und Schwächen, sondern unsere Vorzüge. Es ist zum Teile, besonders in England, der Neid auf unsere wirtschaftliche Blüte. Aber auch andere Nationen haben in den letzten Jahrzehnten ihren Reichtum gemehrt und Albions großes Herz hat es ertragen. Nein, es ist wirklich das „preußische Idol“, das man verabscheut. Nur denkt man sich dieses Idol, weil man es nicht kennt, weil überhaupt in Frankreich und England die Unwissenheit grenzenlos ist, als einen Moloch, der nach Menschenfleisch brüllt. Es ist, neben vieler Heuchelei, geheime Angst in diesem Hasse sichtbar. Nicht alle, die gegen den deutschen Militarismus toben, sind so dumm, zu glauben, daß die militärische Disziplin unserem Volke äußerlich aufgezwungen sei wie ein Joch. Man hat die deutliche Ahnung, daß hier ein Volk vorhanden ist, das sich einem Zwange unterwirft, weil es etwas will, und dieses etwas ein würdiges, starkes, von innerem Reichtum erfülltes Dasein.

          Um dahin zu gelangen, ist ein beständiges Sich-Anrufen zur Pflicht nötig, und dies hat der Deutsche und die anderen haben es nicht. In England hatten es die Puritaner, die aber sind dort längst verstorben. die ihn, wenn er erschlaffen will, aufrüttelt: Steh´auf und tu etwas! Dies ist der kategorische Imperativ, von dem in letzter Ableitung der deutsche Unteroffizier nur die Materialisierung in Fleisch und Bein ist. Darum, weil wir diese kostbare innere Unruhe haben, hassen sie uns, denn wir verderben der Welt die Behaglichkeit. Unsere technischen und Handelsmethoden zwingen sie, mehr, viel mehr als früher, nachzudenken, sogar zu arbeiten; eine Nötigung, die den heutigen Franzosen und Engländern verhaßt ist. Die neue englische Sozialpolitik ist weiter nichts als ein Plagiat an der in Deutschland lange vorher eingeführten; und in welche Krisen und Agitationen hat das deutsche Vorbild die Briten hineingezwungen, die lieber Fußball spielen wollten! Bei den Russen mit ihrer im Grunde asiatischen Seele wird die Unwilligkeit sich aufschütteln zu lassen, zur bewußten Antipathie gegen den ewigen Störenfried. Wie der tiefer Stehende dort den Deutschen haßt, weil er seine Pflicht erfüllt und nicht stiehlt, so haßt ihn der kultivierte Russe – Dostojewskis Werke zeigen es – als das Prinzip der Tätigkeit an sich, die dem Sich-Gehenlassen des beschaulichen Menschen feind ist.

          Das falscheste, was wir tun könnten, wäre, den impotenten Haß, der uns jetzt überall entgegenspeit, mit gleicher Aeußerung zu erwidern. Der Kampf, den wir führen, ist zu großartig; und wir haben Besseres zu tun. Nach der Billigung des Auslands, wie wir nicht selten allzueifrig getan haben, werden wir in Zukunft weniger sehnsüchtig sucen; wir sind unserer Art und Kraft zu sehr inne und darin nunmehr zu sicher geworden, um uns von den Engländern und Franzosen noch bezeugen zu lassen, daß wir so, wie wir wirklich sind, sein dürfen. Darüber hinaus uns durch eine chinesische Mauer der erbitterten Abneigung von den anderen abzuschließen, ist gegen unsere Gewohnheit und unseren Vorteil. Wie vor dem Kriege so wollen wir nachher – darum kämpfen wir – die Völker auf der ganzen Erde aufsuchen, von ihnen lernen und im friedlichen Austausch der Werte ihr Bestes nach Hause bringen. Wenn also sie uns nicht verstehen, wollen, so müssen wir sie desto besser verstehen, um sie uns nutzbar zu machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.