https://www.faz.net/-gpf-7vc2f

Frankfurter Zeitung 25.10.1914 : Haß

Was man uns nicht verzeihen kann, sind nicht unsere Fehler und Schwächen, sondern unsere Vorzüge. Es ist zum Teile, besonders in England, der Neid auf unsere wirtschaftliche Blüte. Aber auch andere Nationen haben in den letzten Jahrzehnten ihren Reichtum gemehrt und Albions großes Herz hat es ertragen. Nein, es ist wirklich das „preußische Idol“, das man verabscheut. Nur denkt man sich dieses Idol, weil man es nicht kennt, weil überhaupt in Frankreich und England die Unwissenheit grenzenlos ist, als einen Moloch, der nach Menschenfleisch brüllt. Es ist, neben vieler Heuchelei, geheime Angst in diesem Hasse sichtbar. Nicht alle, die gegen den deutschen Militarismus toben, sind so dumm, zu glauben, daß die militärische Disziplin unserem Volke äußerlich aufgezwungen sei wie ein Joch. Man hat die deutliche Ahnung, daß hier ein Volk vorhanden ist, das sich einem Zwange unterwirft, weil es etwas will, und dieses etwas ein würdiges, starkes, von innerem Reichtum erfülltes Dasein.

Um dahin zu gelangen, ist ein beständiges Sich-Anrufen zur Pflicht nötig, und dies hat der Deutsche und die anderen haben es nicht. In England hatten es die Puritaner, die aber sind dort längst verstorben. die ihn, wenn er erschlaffen will, aufrüttelt: Steh´auf und tu etwas! Dies ist der kategorische Imperativ, von dem in letzter Ableitung der deutsche Unteroffizier nur die Materialisierung in Fleisch und Bein ist. Darum, weil wir diese kostbare innere Unruhe haben, hassen sie uns, denn wir verderben der Welt die Behaglichkeit. Unsere technischen und Handelsmethoden zwingen sie, mehr, viel mehr als früher, nachzudenken, sogar zu arbeiten; eine Nötigung, die den heutigen Franzosen und Engländern verhaßt ist. Die neue englische Sozialpolitik ist weiter nichts als ein Plagiat an der in Deutschland lange vorher eingeführten; und in welche Krisen und Agitationen hat das deutsche Vorbild die Briten hineingezwungen, die lieber Fußball spielen wollten! Bei den Russen mit ihrer im Grunde asiatischen Seele wird die Unwilligkeit sich aufschütteln zu lassen, zur bewußten Antipathie gegen den ewigen Störenfried. Wie der tiefer Stehende dort den Deutschen haßt, weil er seine Pflicht erfüllt und nicht stiehlt, so haßt ihn der kultivierte Russe – Dostojewskis Werke zeigen es – als das Prinzip der Tätigkeit an sich, die dem Sich-Gehenlassen des beschaulichen Menschen feind ist.

Das falscheste, was wir tun könnten, wäre, den impotenten Haß, der uns jetzt überall entgegenspeit, mit gleicher Aeußerung zu erwidern. Der Kampf, den wir führen, ist zu großartig; und wir haben Besseres zu tun. Nach der Billigung des Auslands, wie wir nicht selten allzueifrig getan haben, werden wir in Zukunft weniger sehnsüchtig sucen; wir sind unserer Art und Kraft zu sehr inne und darin nunmehr zu sicher geworden, um uns von den Engländern und Franzosen noch bezeugen zu lassen, daß wir so, wie wir wirklich sind, sein dürfen. Darüber hinaus uns durch eine chinesische Mauer der erbitterten Abneigung von den anderen abzuschließen, ist gegen unsere Gewohnheit und unseren Vorteil. Wie vor dem Kriege so wollen wir nachher – darum kämpfen wir – die Völker auf der ganzen Erde aufsuchen, von ihnen lernen und im friedlichen Austausch der Werte ihr Bestes nach Hause bringen. Wenn also sie uns nicht verstehen, wollen, so müssen wir sie desto besser verstehen, um sie uns nutzbar zu machen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Proteste in Hongkong : „Wenn sie kommen, gehen wir einfach nach Hause“

Hunderttausende protestieren in Hongkong gegen die chinesische Regierung. Von Einschüchterungen aus Peking und der Drohung, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen, lassen sie sich nicht einschüchtern.
Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.