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Frankfurter Zeitung 25.10.1914 : Haß

Wir aber sind von zu alter und zu edler Zivilisation, um jemals wieder die reißenden Tiere zu werden, die sie sind, im Rückgange zu den vorgeschichtlichen Epochen, wo der künftige Mensch, noch im Zustande des Caliban, sich in voller Tierheit im Kote wälzte …“ Wir verlängern die Anführung aus den Worten des französischen Schriftstellers nicht; sie erinnern an das Gestammel des Wahnsinns. Ueberflüssig zu sagen, daß Herr Richepin sich auf von den Deutschen begangene Grausamkeiten „stützt“; so sollen unsere Truppen aus einer Landschaft Frankreichs 4000 junge Leute im Alter von fünfzehn bis siebzehn Jahren weggeführt und ihnen, um sie zum Kriege untauglich zu machen, den rechten Daumen abgehackt haben. Man darf dazu sagen, daß ein Volk, das solches Gift braucht, um sich zum Kampfe gegen den Feind narkotisieren zu lassen, reif ist zum Falle. Daß wir „Barbaren“ sind, weiß jeder französische Winkelschreiber; es ist die übliche Bezeichnung für die deutsche Armee geworden. Der Akademiker Paul Bourget weist mit den gelehrten Werken des Historikers Fustel de Coulanges in der Hand die Uebereinstimmng zwischen dem deutschen Einmarsch in Frankreich und den Zügen der Kimbern und Teutonen nach; er erinnert an den physischen und moralischen Ekel, den schon Roms Legionen vor den Barbaren empfanden.

Der Denker Boutroux findet die Ursachen unserer Verstandesverwirrung in der deutschen Philosophie; denn wir sind sämtlich verrückt und müssen unschädlich gemacht werden. Unsere Kultur ist Schmutz, Lüge. Der Musier Saint-Saens untersucht den Geist der deutschen Musik; er entdeckt ihn in dem Gassenhauer „Viens, Poupoule“, mit dem Paris vn Berlin aus verseucht wurde… In England reden die Leute ähnlich, doch geberdet sich der cant, in den der Haß sich kleidet, hier weniger kulturell und wissenschaftliche als humanitär und liberal. Herr Lloyd George trieft von Entrüstung gegen den Feind aller Freiheit, neben dem Rußland edel und demokratisch erscheint. Der bei uns weit überschätzte Schriftsteller Wells ist beinahe rasend geworden vor Galle. Bernard Shaw, den Deutschland berühmt und reich gemacht hat, geifert über den preußischen Militarismus. Zitieren wir einen politischen Publizisten. Herr A. G. Gardiner, der Herausgeber der freisinnigen „Daily News“, schrieb: „Wir und unsere Verbündeten haben eines zu tun – zusammenzuhalten bis wir den gemeinsamen Feind der Menschheit geschlagen haben. Wir werden das preußische Idol für immer brechen … Deutschland muß die Rechnung zahlen bis auf den letzten Penny.“

Es würde sich nicht schicken, diese Zeugnisse durch solche aus Ländern zu vermehren, deren Regierungen uns die Neutralität, wohlwollend oder nicht, wahren. Genug aber haben wir gehört und gelesen in den letzten drei Monaten, um zu wissen, daß unser Volk im Kampfe um sein ganzes Dasein sehr wenig echte Freundschaft findet. Warum aber haßt man uns so, daß wir geächtet und aus der Gesellshaft der kultivierten Menschen ausgeschlossen sein sollen? Gewiß, es hat sich mancher Deutsche in vergangenen Jahren durch eine gewisse Ueberheblichkeit mehr der Erscheinung als des Auftretens unbeliebt gemacht. Unseren Oberschichten fehlt die ausgeglichene, unauffällige Weltgewandtheit der gleichen Klassen in England und Frankreich, weil die deutsche Entwicklung jünger und kämpfereicher gewesen ist. Der englische Gentleman aber muß, um ganz Gentleman zu sein, viel Geld haben, selber nicht arbeiten und von Leuten herstammen, die nicht gearbeitet haben. Dieses gut anzusehende Kulturprodukt ist im Kerne eine parasitische Frucht, denn um ihre Farben recht zeigen zu können, muß sie dem Volke das Mark aussaugen, wie sie es seit zweihundert Jahren getan.

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