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Frankfurter Zeitung 01.04.1915 : Gedanken an Bismarck

Otto von Bismarck – Lithographie von G. Engelbach, 1863 Bild: Picture-Alliance

Anlässlich des hundertsten Geburtstags Otto von Bismarcks wird der Vorhang der Erinnerung aufgeschlagen, um seines Lebenswerks zu gedenken. Eine Reminiszenz der Frankfurter Zeitung vom 1. April 1915.

          Von Conrad Haußmann, M.d.R.

          Die Zeit arbeitet wie ein Künstler. Sie hebt die Hauptlinien monumental heraus. Sie belichtet die Stirne und die Gestalt und läßt andere Züge zurücktreten. Sie liebt es, nach hundert Jahren den Vorhang der Erinnerung aufzuschlagen und wie ein Kunstwerk und Denkmal die Gestalt großer Toten lebendig zu zeigen.

          Bismarcks Säkularfeier fällt auf einen geschichtlichen Zeitpunkt, der sein eigenes Lebenswerk auf die höchste Probe stellt. In den Blicken, die heute zu ihm zurückschauen, spiegelt sich die höchste Spannung. Denn der Schattenriß seiner ehernen Gestalt hebt sich ab von dem geröteten Horizont. Dieser Zeitpunkt und dieses Zusammentreffen weckt in Deutschland alle die Gedanken, in deren Mitte Bismarck stand und unter deren Wirkung das Reich steht. Es gibt darunter manchen Gedanken und manche Frage, die auszusprechen heute nicht die Stunde ist. Diese aber ist zu groß und zu ernst für Polemik wie für Ueberschwenglichkeit, die Bismarck selbst zuwider war. Man kann seiner Größe nur durch Wahrhaftigkeit gerecht werden.

          Das Größte an Bismarck war der Wille, und zwar beides, die Willensbildung und die Willensverwirklichung. Das Wollen formte seine Züge, seine Haltung, seine Handschrift und seinen Stil. Der Wille umschloß bei ihm das Ziel und den Weg und war darum gelenkt und umgrenzt durch seinen Wirklichkeitssinn. Die Willenskraft gab dem ersten Reichskanzler die zentrale Stellung im Staatsleben, und diesem die Einheitlichkeit, sie gibt dem fortleben Bismarck seinen dauernden Platz im deutschen Geistesleben. Die Nation ist für ein Vorbild des Wollens und des Handelns ebenso dankbar wie für das Vorbild, das ihre Denker und Dichter, ihre Forscher und ihre wirtschaftlichen Bahnbrecher geben. Deutschland ist sich heimlich bewußt, daß die Gewichte sich die Waage halten müssen und daß ein Volk in dem Maß erstarkt, in dem es die verschiedenen Geistesrichtungen sich anzueignen und sich anzuerziehen vermag.

          Der Wille hat die natürliche Neigung, zum Eigenwillen sich zu steigern. Bismarck ist auch dafür beweiskräftig. Von der Höhe und der Machtstellung herab, zu der ihn, wie er sich bewußt blieb, die eigene Kraft geführt hatte, sah sein Blick die Menschen klein und oft zu klein, während sie ihn nach demselben Gesetz der Entfernung übermenschlich groß sahen. Es trat ein Abstand ein und mit der Zeit eine Abkühlung. Und doch blieb Bismarck sein ganzes Leben der Mann innerer Leidenschaft. Ist dies die künstlerisch höchste Seite, so war seine Leidenschaft, die der polemischen Entladung bedurfte, in der Wirkung nur noch mehr isolierend. Bismarck bewahrte sich bis ins Greisenalter die Jugendkraft des Hasses. Er konnte verfolgen und das Temperament ließ ihn dann jedes Mittel ergreifen. Er warf Bannstrahlen, er ächtete einzelne Gruppen. Parteien und Klassen. So nur können sich die, die ihn nicht selbst lebendig kämpfen sahen, die Rückwirkung der Gefühle und Stimmungen vergegenwärtigen, die er zu wecken das Bedürfnis und die Gewalt hatte.

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